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Ausstellung : Das Stadtmuseum Wiesbaden zeigt das Werk des Fotografen Weegee

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Hat es je einen Fotografen gegeben, dem die Schwarzweißfotografie mehr entsprochen hätte? Weegee sah Gegensätze und fotografierte Kontraste. Seine präzisen und pointierten Ansichten der Wirklichkeit sind jetzt in Wiesbaden zu sehen.

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          Hat es je einen Fotografen gegeben, dem die Schwarzweißfotografie mehr entsprochen hätte? Weegee, der 1899 im damals österreichischen Lemberg als Uscher Fellig geborene jüdische Einwanderer, dessen Ansichten aus dem New York und den Vereinigten Staaten der dreißiger und vierziger Jahre zu den klassischen Americana zählen, sah Gegensätze und fotografierte Kontraste. Seine präzisen und pointierten Ansichten der Wirklichkeit sind jetzt in Wiesbaden zu sehen. Die Ausstellung "Weegee - The Famous. Fotografien von 1935 - 1960" im Projektbüro des Stadtmuseums zeigt 89 Arbeiten des Fotografen.

          Weegee spielte nicht nur virtuos mit Farbwerten und Helligkeitskontrasten der Schwarzweißfotografie. Gegensätze werden ihm zum erzählerischen Grundprinzip. So zeigt die am 17. April 1942 fotografierte Arbeit "Lebensfreude" Passanten und Polizisten über einer mit Zeitungspapier bedeckten Leiche. Im Hintergrund ist ein Kino-Eingang zu sehen, über dem die Reklame Irene Dunnes neuen Film "Joy of Living" ankündigt. Die ironische Bildunterschrift hebt hier die Gegensätze der Wirklichkeit nur hervor.

          Weegee jagte dem sensationellen Bild hinterher. Nachdem er sich 1935 als freischaffender Fotograf selbständig gemacht hatte, spezialisierte er sich auf die Arbeit bei Nacht, auf Gewaltverbrechen, Brände und Morde. 1938 war er der erste Fotograf, dem es gestattet wurde, den Funkverkehr der Polizei und der Feuerwehr abzuhören. Seine Fotos aus dem New York der dreißiger und vierziger Jahre haben das Bild der Stadt maßgeblich geprägt. Im Jahr 1945, nach der Veröffentlichung von "Naked City", seiner Anthologie berühmter Fotografien einer berüchtigten Stadt, befand sich Weegee auf dem Höhepunkt seines Ruhms: Zwei Jahre zuvor hatte das Museum of Modern Art, mit der Kanonisierung amerikanischer Kunst beschäftigt, fünf seiner Arbeiten erworben.

          Seine Bilder waren eben nicht nur gute Pressefotos, sondern erfaßten die Wirklichkeit mit dem bewußtem Blick des Künstlers. Zu den Ikonen dieser Ästhetik zählt die am 23. Mai 1941 fotografierte "Hitzewelle": New Yorker Kinder schlafen in schwüler Nacht auf der Feuertreppe ihrer Mietskaserne. Das Foto ist typisch für Weegees Fähigkeit, die genaue Wiedergabe aktueller Lebenswirklichkeit mit Poesie oder sogar gelegentlichem Sentiment zu verbinden: Seine Bilder sollten über die Sensation oder den einzelnen Augenblick hinaus auch das Allgemeine, das Typische, das Menschliche einfangen.

          Auch seine Fotos von Unglücksfällen oder Verbrechern sind grandiose Augenblicks-Kompositionen. Aus Symmetrien und geometrischen Formen besteht das Foto von Charles Sodokoff und Arthur Webber, die ihre Gesichter am 27. Januar 1942 in der grünen Minna mit ihren Filzhüten verbergen: Zwei Männer in schwarz, zwei Bänke, die den Blick des Betrachters von links und rechts in die Bildtiefe lenken, zwei dunkle runde Hüte sowie ein schwarzer - und runder - Reservereifen an der Wand zum Fahrerhaus hinter den Gangstern.

          Weegees Hang zur Inszenierung scheinbarer Schnappschüsse dient immer einem sozialen Zweck: der Selbsterkenntnis der Bürgergesellschaft. Einmal half ihm eine geistesverwandte Krankenschwester. Um ausgesetzte Kinder zu fotografieren, besuchte Weegee ein Obdachlosenasyl. Die Schwester fragte, was er vorhabe, hörte ihm aufmerksam zu, nahm eine Nadel und stach mit ihr ein Kind, das sofort zu weinen anfing. Dann sagte sie: "Jetzt können sie fotografieren. Das wird die Mutter zurückbringen". So sei es dann auch gekommen.

          Auch "Die Kritikerin" ist das Resultat sorgfältiger Vorbereitung. Die heruntergekommene Frau, die bei der Eröffnung der Metroplitan Opera ihren Blick auf die oberen Zehntausend wirft, war vom Fotografen und einem Assistenten zuvor in einer Kneipe aufgegabelt worden. Dann legte man sich vor der Oper auf die Lauer. Als Mrs. George Washington Kavenaugh und Lady Decies auftauchten, schubste der Assistent ihnen die Betrunkene in den Weg. Weegee beschrieb den entscheidenden Augenblick mit der Bemerkung, er habe nicht sehen können, was er fotografierte. Eine Lüge: Er wußte genau, was er tat. Aber ein Künstler mit moralischem Anliegen muß nicht nur so sanft wie die Taube, sondern auch so klug wie die Schlange sein. Weegee war es. Florian Balke

          Die Ausstellung ist bis zum 19. September im Projektbüro des Stadtmuseums Wiesbaden in der Friedrichstraße zu sehen und dienstags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Der Katalog kostet 20 Euro.

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