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Ausstellung : Beklommenheit und Freude am Skurrilen: Fotografien der Surrealistin Emila Medkova

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Holzstücke, mit künstlichen Augen gespickt, verwandeln sich in einen Schwarm Vogelköpfe. Kahle Stellen zwischen abblätternder Farbe entpuppen sich als zwei menschliche Antlitze, die sich zärtlich zum Kuß nähern.

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          Holzstücke, mit künstlichen Augen gespickt, verwandeln sich in einen Schwarm Vogelköpfe. Kahle Stellen zwischen abblätternder Farbe entpuppen sich als zwei menschliche Antlitze, die sich zärtlich zum Kuß nähern. Und zum Trocknen aufgehängte, schmutzige Planen vor einer kahlen Mauer erinnern an zwei Pleurants, weinende Gestalten, wie man sie von mittelalterlichen Darstellungen kennt: "Zwei Witwen" ist der Titel dieses Bildes.

          Die Fotografien der tschechischen Surrealistin Emila Medkova setzen auf die Imagination und das Assoziationsvermögen des Betrachters. Mit Arbeiten aus den vierziger bis achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zeigt das Stadtmuseum Hofheim die erste umfassende Einzelausstellung der Fotografin in Deutschland. "Viele bedeutende osteuropäische Künstler sind bei uns noch weitgehend unbekannt", sagt Museumsleiterin Eva Scheid. "Emila Medkova gehört mit Sicherheit zu denen, die es in einem erweiterten Europa zu entdecken lohnt."

          Der Beitritt Tschechiens zur Europäischen Union sei ein Anstoß gewesen, das Werk Medkovas in einer Ausstellung zur würdigen. Die Galerie der Stadt Tuttlingen, das Hofheimer Stadtmuseum un das Museum Bad Arolsen haben die Schau gemeinsam konzipiert und zeigen sie nun nacheinander in ihren Häusern. Achtzig mittelformatige Schwarz-Weiß-Fotografien aus dem Nachlaß von Eva Kosakova, der Tochter der Fotografin, geben einen repräsentativen Überblick über das Schaffen der 1928 geborenen Medkova bis zu ihrem Tod 1985.

          Emila Medkova und ihr Mann, der Maler Mikulas Medek, gehörten der Prager Surrealisten-Gruppe an, die intensive Kontakte zur Pariser Gruppe um Andre Breton pflegte. Medkovas Fotografien der späten 1940er Jahre, in enger Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann entstanden, sind deutlich geprägt vom surrealistischen Motivrepertoire, wie man es von Bunuel oder Magritte kennt. Die Fotografien der tschechischen Künstlerin zeigen malerisch anmutende, absurde Arrangements von Personen und Objekten. Wichtigstes Requisit der fotografischen Inszenierungen ist das Glasauge. Medkova setzte es als verstörendes "Frühstücksei" ein und verwandelt mit seiner Hilfe Naturobjekte in unheimliche Totems. Oft ragen Körperteile oder ihre Schatten ins Bild und beschwören das Phantasma eines zerstückelten Körpers.

          Von diesen surreal inszenierten Traumbildern wendet sich die Künstlerin in den folgenden Jahrzehnten immer mehr dem "objet trouve" im eigentlichen Sinne zu. Fotografischen Zyklen wie "Geschlossen" zeigen Mauern, Türen und konzentrieren sich zunehmend auf die vorgefundene Oberfläche eines Gegenstandes. Vordergründig verschwindet der Mensch aus Medkovas Bildern, die ab 1961 als Fotografin an der Prager Karlsuniversität arbeitete. Ihr Werk wird abstrakter und nähert sich der Kunstströmungen des Informel an. Im Gegensatz dazu aber konzentriert sich ihr Detailblick auf Gesehenes und Vorgefundenes. Immer wieder wird in den Bildern vom Verfall der Oberflächen durch Witterung, Einritzung und Gewalt das menschliche Gesicht sichtbar. Medkovas Blick gleicht dem von Kindern, die in Wolken Figuren "hineinlesen": In den Flecken und Rissen auf Mauern erkennt die Fotografin nicht nur Spuren des Menschen, sondern den Menschen selbst.

          Der alltägliche Blick wird dabei als oberflächlich entlarvt, während die fotografierte Oberfläche sich öffnet und Einblick gewährt in eine eine innere Welt. Das Moment der Abgeschlossenheit und Beklommenheit bleibt dabei aber immer präsent. Wenn Medkova die Fotografie eines Schrotthaufens "Arcimboldo I" betitelt und damit auf die komischen und zugleich unheimlichen Frucht-Köpfe des Barockmalers anspielt, dann scheinen beide Facetten ihres Werks auf: die Auseinandersetzung mit Zeit, Tod und Gewalt und ein hintergründiger, schwarzer Humor mit Freude am Skurrilen. URSULA SCHEER

          Bis zum 12. September im Stadtmuseum Hofheim, geöffnet Dienstag von 10 bis 13 Uhr und von 14 bis 20 Uhr, Mittwoch bis Freitag von 14 bis 17 Uhr, Samstag von 14 bis 18 Uhr und Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Ein Katalog liegt vor.

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