https://www.faz.net/-gzg-u64w

Ausstellung : Aufbruch in die Landschaft

Die Graphik entdeckt sich neu: Frank Shorts (1857-1945) Luzern nach Turner Bild: Kunsthalle Darmstadt

Als die Fotografie im 19. Jahrhundert das Abbilden übernahm, wuchsen der Graphik neue Flügel: eine Auswahl aus der Sammlung Kleinstück in der Darmstädter Kunsthalle.

          Das hatte sich so mancher Künstler sicherlich nicht träumen lassen. Gemalt oder gezeichnet wurde schließlich immer. Ein Porträt des Hausherrn mit Familie, idyllische Veduten oder pittoreske Genreszenen - da müsste es, mochten sich nicht nur in England seinerzeit die braven Zeichner sagen, schon mit dem Teufel zugehen, fände derlei irgendwann mal keinen Käufer mehr.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Böse aber in Gestalt der Technik und des Fortschritts kam im 19. Jahrhundert zwar nicht gerade über Nacht, dann aber doch gewaltig. Denn wer im stolzen Königreich wollte noch ein Porträt, eine Ansicht von Rom, Florenz oder London, wenn die Fotografie ein so unfassbar genaueres Bild der Wirklichkeit zu zeichnen vermochte?

          Umso anachronistischer mag dem unbefangenen Betrachter zunächst das von Mitte des 19. Jahrhunderts an in England einsetzende Wiedererstarken der Graphik, ein „etching revival“ erscheinen. Freilich, ein druckgraphischer Schuh wird im Grunde erst umgekehrt daraus: Das zeigt die ganz der Radierung jener Zeit gewidmete Ausstellung, die derzeit in der Kunsthalle Darmstadt zu sehen ist.

          Joseph Simpson (1879-1939), The Punt Gunner

          Renaissance der Druckgraphik

          Denn die um die Jahrhundertmitte einsetzende Renaissance der Druckgraphik und insbesondere der reichlich traditionell anmutenden Radierung, die sich etwa in der Gründung zahlreicher „Etching Clubs“ und einer bemerkenswerten Preisentwicklung niederschlug, hat von der Konkurrenz der Fotografie vermutlich durchaus profitiert, vor allem künstlerisch. Traten doch an die Stelle des Bestrebens, die Realität möglichst exakt wiederzugeben, gänzlich andere, mitunter durchaus moderne Interessen.

          Zwar mag man unter den rund 140 Blättern von mehr als 40 Künstlern auch eine Reihe von Genreszenen etwa Mortimer Mempes' entdecken, die klassisch zu nennen sind. Es finden sich auch wie ehedem Porträts von mit der neuen Zeit zu Geld und Ansehen gelangten Würdenträgern, wie sie beispielsweise Francis Dodd mit der Nadel in die Platte ätzte. Zahlreiche Exponate aber, die Kunsthallendirektor Peter Joch aus der Sammlung des früheren Vorsitzenden des Darmstädter Kunstvereins, Hermann Kleinstück, ausgewählt hat, begnügen sich keineswegs damit, über das Medium an die Vergangenheit anzuschließen, sondern belegen das mal verhaltene, mal deutlicher formulierte Interesse der Künstler an den Tendenzen ihrer Zeit.

          So dokumentiert die klug gegliederte Schau den künstlerischen Aufbruch in die Landschaft ebenso wie die Tendenzen zu ihrer Auflösung, wie sie James Abbott McNeill Whistler in seinen reizvollen, äußerst reduzierten Blättern vorführt. Dass die Ausstellung dem amerikanischen Maler, der in der Mitte der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts nach London gelangt war, eine Schlüsselstellung im Zuge des „Etching revivals“ zuweist, hat dabei seinen guten Grund. Denn Whistler animierte nicht nur eine ganze Reihe von weitaus weniger bekannten Künstlern wie Francis Seymour Haden dazu, sich der Landschaftsschilderung und, gerade wie die Freilichtmalerei, sich der Arbeit vor der Natur zuzuwenden.

          Gesellschaftliche Veränderungen im 19. Jahrhundert

          Seine Reduktion der Landschaft auf die Organisation von Linien und - nicht selten erst durch den unbearbeiteten Weißraum sich manifestierenden - Flächen machte buchstäblich Schule, wie die Arbeiten von Robert Charles Goff, Katherine Cameron oder auch Joseph Simpson zeigen. Spannend gerät in der Schau darüber hinaus die Auswahl jener Blätter, in denen die Auseinandersetzung zahlreicher Künstler mit der zeitgenössischen Malerei schlechterdings nicht zu übersehen ist.

          Während etwa F. Inigo Thomas oder auch Charles John Watson sich mit ihren flirrenden Ansichten von Kirchen und Kathedralen offensichtlich vom Impressionismus und namentlich von Monet inspirieren ließen, trachteten Frank Short und andere dieser um 1880 als „painting etchers“ auftretenden Künstler danach, den malerischen Zauber eines William Turner oder John Constable in die schwarzweiße Welt der Graphik zu übersetzen.

          Und nicht zuletzt sind es die Arbeiten Joseph Pennells und Frank William Brangwyns, die in der Ausstellung nachhaltige Akzente setzen. Gehören sie doch zu den wenigen Künstlern, deren Werk die dramatischen Veränderungen in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts spiegelt. Während beispielsweise Brangwyns frühe Blätter noch ganz dem Genre verhaftet sind, zeigt sich der Künstler bald schon zunehmend an der sozialen Wirklichkeit, am modernen Proletariat und der Welt des Industriearbeiters interessiert. Das „etching revival“ also mag zwar in mancherlei Hinsicht anachronistisch scheinen. In der anregenden Zusammenschau durchaus konservativ zu nennender Ansätze mit jenen, welche die Moderne wenigstens rezipieren, immer wieder aber auch spiegeln, freilich zeigt sich ein deutlich differenzierteres Bild.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brasilien-Star für Bundesliga : Das ist der Bayern-Plan mit Coutinho

          Der Transfer-Coup ist gelungen, Philippe Coutinho ist ein Münchner. Doch wie soll der Brasilianer den Bayern nun am besten auf dem Rasen helfen. Die Vorstellungen der Münchner bei diesem Ein-Mann-Projekt sind klar.
          Unser Sprinter-Autor: Timo Steppat

          F.A.Z.-Sprinter : Eine Ursula-Koalition für Italien?

          In Italiens Regierungskrise entscheidet sich, ob es Neuwahlen gibt, „Fridays for Future“ feiert Geburtstag – und in Brandenburg denkt man über eine Kenia-Koalition nach. Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.