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Ausstellung „Air conditioned“ : Der Traum von Kunst

Rumsfelds Bademantel und Jogginghose: Werke von Jakob Brugge. Bild: Städl

Malerei, Skulptur, Videos, Installationen und eine Chill-out-Oper: Die Absolventen der Städelschule präsentieren ihre Werke im Museum gegenüber.

          Es sind, für die Außenstehenden womöglich nicht ganz einsichtig, doch zwei Welten, die da aufeinanderprallen. Obwohl sie beide zur Kunstsphäre gehören und trotz der unmittelbaren räumlichen Nähe der beiden Einrichtungen zueinander. Die auch noch denselben Namen tragen. Städel-Museum und Städelschule sind direkte Nachbarn, aber die Studierenden, die jetzt in der Absolventenausstellung im Peichl-Bau ihre Werke zeigen, sind es noch nicht gewohnt, mit einer Kunst-Institution zu tun zu haben, in der strenge Regeln herrschen, denen sie sich am Anfang offenbar etwas hilflos ausgesetzt fühlten.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          So konnten sie, was einige gerne getan hätten, nicht nachts im Museum arbeiten, denn irgendwann wird „scharf geschlossen“, wie das heißt, strikte Sicherheitsvorkehrungen greifen also, die Alarmanlage wird eingeschaltet, niemand darf sich mehr in den Schauräumen aufhalten, schließlich gilt es, Werke von hohem Wert zu schützen. Auch die vorgegebene Ausstellungsarchitektur und die Wandfarbe, ein dunkler Aubergine-Ton, behagten einigen nicht, und sie empfanden es als Eingriff in ihre künstlerische Freiheit, die an Frankfurts kleiner, aber international renommierter Kunsthochschule besonders groß geschrieben wird.

          Aber mitunter können Reibungen auch sehr produktiv sein, die Schau „Air conditioned“ jedenfalls, deren Titel schon auf die musealen Bedingungen der diesjährigen Absolventenausstellung hindeutet, kann sich sehen und manchmal auch hören lassen. Die Arbeiten haben durchweg ein hohes Niveau und zeugen von einer jungen Künstlergeneration, die sich darüber bewusst ist, dass sie lange nach dem Ende der Avantgardebewegungen diese weder leugnen noch einfach beerben können. Sie denken weiter. Nehmen aktuelle Themen auf und bedienen sich neuer Medien. Kommen zu formalen Lösungen, die zu einem großen Teil überzeugend sind.

          Kein Minimalismus

          Ohne konzeptuelle Überlegungen geht in der postavantgardistischen Kunst nicht viel. Dass die von Paula Kommoss und Il-Jin Choi kuratierte Schau dies mitbedenkt, lässt sich an dem Bezug erkennen, den sie auf die schwierigste und radikalste Künstlergruppe der Concept Art nimmt. „The Air-Conditioning Show“ von Art & Language, 1966 eröffnet, hatte die Absicht, statt Kunst die Bedingungen ihrer Ausstellungsmöglichkeit zu zeigen, Weshalb die Klimatechnik als so gut wie einzige skulpturale Objekte plötzlich im Mittelpunkt standen. Kunst im engeren Sinn war nur als Leerstelle vorhanden. So weit gehen die Städelschüler nicht, sie gehen mehrere Schritte zurück. Extrem minimalistisch und reduktiv ist es nicht, was dort derzeit zu besichtigen ist.

          Dafür erlebt man die eine oder andere Überraschung. Zum Beispiel hätten wir es nicht für möglich gehalten, dass sich ein junger Mensch noch mit Heinrich Wackenroder, Wilhelm Tieck und deren frühromantischer Imagination des Künstlerdaseins beschäftigt, wie sie in den „Phantasien über die Kunst für die Freunde der Kunst“ von 1799 zum Ausdruck kommt. Immanuel Birkert hat diese Schrift bearbeitet und dazu dreidimensionale Arbeiten geschaffen, die sie illustrieren. Dass es, wenn die Romantiker über die Renaissance schreiben, über einen Traum von Kunst und nicht deren Realität geht, lässt der Städelschulabsolvent in sein Werk einfließen. Kristin Reiman nennt ihre Sound- und Video-Installation „The Drowse“ eine Oper: Gesummte Melodien und Texte laden samt weichen Sitzgelegenheiten zum Dösen ein. Eine Chill-out-Oase.

          Jakob Brugge hat sich auch ein besonderes Plätzchen ausgesucht, hinter der eigentlichen Ausstellung in einem funktionalen Raum stellt er in dicken Rahmen, wie sie zur Beweissicherung in amerikanischen Gerichtssälen verwendet werden, etwa den Bademantel und die Jogginghose von Donald Rumsfeld aus, dem ehemaligen Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten, der vielen als Kriegstreiber gilt. Ob es wirklich seine Klamotten sind? Fragen wir nicht weiter. Zusammen mit typischen amerikanischen Girlanden und einer Barbecue-Schürze bilden sie ein installatives Stillleben, das nur scheinbar harmlos ist. Insgesamt sind 20 Positionen in dieser Schau zu erleben, Malerei, Videoarbeiten, Skulpturen. Die Informationen zu den Arbeiten sind mehr als spärlich. Da sich hier kaum etwas von selbst versteht, wären ein paar mehr sehr nützlich.

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