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Auftakt Romantik-Festival : Sieh mit Liebe auf das, was du wahrnimmst

Der Romantiker hat Anteil an allem und teilt alles mit: Wim Wenders braucht nur einen Laptop für ein dichtes Gewebe von Gedanken und Gefühlen. Bild: Wonge Bergmann

Was ist die Romantik und ist sie eine Droge? Der Filmregisseur Wim Wenders hat am Freitag einen Grundkurs in Romantik gegeben - als Eröffnung eines Festivals im Literaturhaus.

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          Ist die Romantik eine Droge? Für Wim Wenders scheint sie alle Anforderungen an ein Suchtmittel zu erfüllen. Schließlich sieht der Filmregisseur ihre Opfer vor sich. Zumindest bezeichnet er das erwartungsvolle Publikum, das im Frankfurter Literaturhaus die Stuhlreihen des Lesesaals füllt, als „Versammlung der Romantics Anonymous“. Aber er ist nicht gekommen, um seine Zuhörer in zwölf Schritten von ihrer Abhängigkeit zu heilen. Er will ihnen nur erklären, woran sie leiden. Und ihr Leid mit ihnen teilen.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mitgebracht hat er zur Eröffnung des Festivals „Was wir suchen, ist alles“, mit dem das Literaturhaus noch bis Freitag den Verbindungen zwischen der Romantik und der Gegenwart nachgeht, einen Laptop voller Filmausschnitte und Popsongs: „Ich mache heute für Sie den Romantik-DJ“. Ebenfalls im Angebot: das Eingeständnis, als „wenig theorieaffiner, aber praktizierender Romantiker“ könne er kaum etwas Ernstzunehmendes zur Studie der Epoche und ihrer Dichter, Schriftsteller und Künstler beitragen. Als echter Romantiker habe er eben sowohl gar keine Ahnung als auch sehr wohl eine Ahnung. Zu wissen, ohne zu wissen, und zu suchen, ohne zu wissen, wonach man suche, genau das sei, ebenso wie die Tatsache, das Suchen niemals einzustellen, ein untrügliches Zeichen dafür, es mit einer romantischen Geisteshaltung zu tun zu haben.

          „Der Romantiker geht durch harte Zeiten“

          Erworben hat der 1945 in Düsseldorf geborene Wenders diese Geisteshaltung in der Nachkriegszeit, die in ihm „mit ihrem Drive immer nur nach vorne“ nicht das Einverständnis mit den Leistungen des Wirtschaftswunders weckte, sondern die „unaussprechliche Sehnsucht, woanders zu sein, woanders hinzugelangen“. Wie wichtig ihm diese Sicht der Dinge gewesen sei, habe er schon als knapp Sechsjähriger begriffen. Damals habe er alleine mit dem Zug zu einer Verwandten aufs Land fahren sollen und sich darauf gefreut, während der Fahrt ungestört aus dem Fenster blicken zu können. Dann aber sei seine Mutter mit ihm eingestiegen, um einen Erwachsenen zu finden, der ein Auge auf ihn haben sollte. Daraufhin habe er sie mit sich aus dem Zug gezerrt. „Sie war geschockt – ich auch.“ Aus dem verhinderten Reisenden wurde ein Regisseur von Roadmovies, der anhand eines Ausschnitts aus seinem 1975 entstandenen Film „Falsche Bewegung“ vorführte, wie die Urszene des Blicks aus dem Fenster eines fahrenden Zuges in seinem Werk landete.

          Wieso war ihm dieser Blick so wichtig? „Für einen hoffnungslosen Romantiker ist alles zuerst Wahrnehmung. Ich teile alles und teile alles mit.“ Das hat für ihn etwas mit der These des von ihm verehrten Martin Buber zu tun, ohne den Blick des anderen werde aus niemandem ein wirklich reifer Mensch, hat ihn aber auch darin bestätigt, das alles einen Sinn hat: „Für den Romantiker fügt sich die Welt notwendig sinnhaft zusammen.“ Ihm, der auf eine Journalistenfrage zu seinem Film „Paris, Texas“ einmal erklärt hat, er sei ein „hoffnungsloser deutscher Romantiker“, geht es dabei nicht um Schönheit, sondern um die „befreiende Bedingung der Wahrheit“. Auf der Suche nach ihr verwahrt er sich gegen digitale Bildwelten, die das sorgfältige Hinsehen durch einen „Akt des Zusammenbauens“ und „lebendige Dinge“ durch „Lookalikes“ ersetzen: „Der Romantiker, der nie ein Nostalgiker sein wollte, geht durch harte Zeiten.“

          Die Welt als Ort der Manifestation von Liebe

          Harte Zeiten erforden weiche Herzen. Für einen Augenblick scheint Novalis aus Wenders zu sprechen: „Für den Romantiker ist die Welt ein Ort, an dem sich Liebe manifestiert und ein Geheimnis offenbart.“ Und noch wagemutiger: „Beide sind wahr, weil sie wahrgenommen werden.“ Was er meint, erklärt Wenders am liebevollen Blick, den die Engel in „Der Himmel über Berlin“ auf die Menschenwelt werfen. „Ihr mögt das, was ihr seht“, habe die Regieanweisung an die Schauspieler gelautet. Daraus wird in Frankfurt ein Tipp für das mittlerweile nach Wenders süchtige Publikum: „Sie müssen das einmal selber probieren – denselben Blick gleichgültig tun oder mit Zuwendung und liebevoll.“ Großer Applaus.

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