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Kammeroper Frankfurt : Mit nonchalanter Leichtigkeit

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Drum prüfe, wer sich ewig bindet: Ernestina (Dzuna Kalnina) hat ein Auge auf Ermanno (Ralf Simon) geworfen. Bild: Michael Kretzer

Rauschhaft und witzig: Die Kammeroper Frankfurt zeigt im Palmengarten Rossinis „Die verkehrte Braut“. Auch ein Einsatz des Publikums wird bei der fast dreistündigen Aufführung gefordert.

          Das Bestechende an der Kammeroper Frankfurt um den Regisseur Rainer Pudenz ist ihr Humor. Damit windet sich das Ensemble aus allen Kategorien, entzieht sich allen Maßstäben und sichert sich sein Alleinstellungsmerkmal mit Kultstatus. Am ehesten möchte man dieses mit rund sechzig Mitwirkenden unverhältnismäßig personalintensive Projekt der freien Kulturszene mit seiner großen Schar an hochmotivierten Ehrenamtlichen als „soziales Kunstwerk“ einordnen. Auch der Einsatz des Publikums ist gefordert bei der Selbstversorgung mit Proviant und regenfestem Wetterschutz für den fast dreistündigen Aufenthalt unter freiem Himmel vor der Musikmuschel im Palmengarten.

          In diesem Jahr feiert die Kammeroper ein silbernes Jubiläum, tritt sie doch seit nunmehr 25 Jahren in den Sommermonate im Palmengarten auf, dieses Mal mit einer Rossini-Oper, die in der hier verwendeten deutschen Übersetzung von Thomas Peter „Die verkehrte Braut“ heißt und in Frankfurt nun in Erstaufführung zu erleben ist.

          Gioachino Rossini hat „L’equivoco stravagante“, wie die Oper im Original heißt, im Alter von 19 Jahren nach einem Libretto von Gaetano Gasbarri geschrieben. Komponist, Librettist und Ensemble scheinen darin verbunden, dass sie keinerlei Veranlassung zu sehen scheinen, irgend jemanden oder irgend etwas ernst zu nehmen. Thomas Peter steht dem mit seiner deutschen Textfassung ihn nichts nach. Für die hat er dem Volk aufs Maul geschaut. Nicht selten verlässt er die deutsche Hochsprache und sorgt damit verlässlich für Lacher.

          Ein Opern-Karikatur-Erlebnis

          Das Bühnenbild von Frank Keller und Mateo Vilagrasa ist von einem großen Schrank geprägt, der zu dem Wortspiel einlädt, es ginge hier um beschränkte Leute. Tatsächlich haben die Protagonisten alle einen Spleen: der neureiche Gamberotto (Thomas Peter) mit seltsamen Kriterien zur Schwiegersohn-Findung; seine von ihm verklärte Tochter Ernestine (Dzuna Kalnina) im knallroten Rüschenkleid (Kostüme: Claudia Krauspe) mit freizügigsten Bewegungen und hehren Ansichten wie jener, dass schon im alten Sparta das Zeigen von Gefühlen auf zwei bis drei Tage begrenzt gewesen sei, weshalb völlig egal sei, welchen Mann sie heirate. Ihr ursprünglicher Verlobter Buralicchio stammt aus reichem Hause und ist dumm wie Bohnenstroh.

          An seiner Stelle erwählt sie schließlich Ermanno, der, trunksüchtig, depressiv und sensationell lebensuntüchtig, keine überzeugende Alternative darstellt. Timon Fuhr und Ralf Simon spielen diese beiden Antihelden mit ebenso nonchalanter Leichtigkeit wie Louise Fenbury die Dienerin Rosalia, die sich am wesentlich jüngeren Frontino (Ilja Aksinov) versucht, einem Freund des Gamberotto, der dekoriert wie ein wandelnder Weihnachtsbaum. Köstlich ist der von Harald Mathes gespielte Diener des Gamberotto, der hinter der Fassade der Ergebenheit vortrefflich für sich sorgt.

          Musik und Gesang klingen nicht unbedingt nach Rossini, doch wird das wohl auch gar nicht angestrebt. Rainer Pudenz arbeitet lieber quer zu allen Konventionen, insbesondere denen des etablierten Musikbetriebs. Immerhin wird die Musik nicht medial vermittelt, sondern ist von mehr als zwanzig Musikern unter der Leitung von Daniel Stratievsky handgemacht, als unterschwellig wirksames Vehikel für ein unmittelbar zugängliches, rauschhaft-witziges Opern-Karikatur-Erlebnis.

          Im Musikpavillon

          Weitere Aufführungen am 24., 26., 27. und 31. Juli, sowie am 2., 3., 7., 9., 10., 14., 16. und 17. August jeweils von 19.30 Uhr. Die Aufführungen im Musikpavillon des Palmengartens Frankfurt finden bei jedem Wetter statt, aus Rücksicht auf die Instrumente bei Regen jedoch nur konzertant.

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