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Aschaffenburg : Von der Kunst und ihrem Scheitern

Das Original: Oskar Kokoschkas Puppe nach Alma Mahler Bild: REUTERS

Fast scheint es, als sei Kokoschkas Alma-Mahler-Puppe wieder da. Im Aschaffenburger Kornhäuschen sitzt sie im Fenster und wartet.

          3 Min.

          Da wäre man wirklich gern dabei gewesen. Als Kokoschka, offenbar noch arg lädiert nach der Trennung von seiner Muse Alma Mahler, sich, nun ja, Ersatz versprach. Und mit Zeichnungen und Briefen und überhaupt recht detailliert der Puppenmacherin Hermine Moos den Auftrag gab, ein lebensgroßes Abbild der längst mit Walter Gropius verheirateten Geliebten zu schaffen. „Wird alles reicher, zärtlicher, menschlicher werden?“, schrieb er, wohl eingedenk der gerade überstandenen Qualen, der vermutlich doch ein wenig überraschten Auftragnehmerin. Zwar gingen die Meinungen darüber am Ende ziemlich auseinander, zeigte sich der Maler etwa arg enttäuscht von den Qualitäten seines Fetischs.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch bis heute kursieren Anekdoten und Gerüchte, dass Oskar Kokoschka mit seiner „stillen Frau“ bei schönem Wetter mit der Kutsche auszufahren pflegte, sie mit sich zur Premiere in die Oper schleifte und am Ende gar im Rausch mit reichlich Rotwein übergoss, ihr womöglich gar den Kopf abschlug und sie schließlich einfach aus dem Fenster warf. Geblieben sind von dieser gar wundersamen Episode freilich nichts als Bilder: ein paar historische Fotos, vor allem aber Aquarelle und Gemälde mit der Puppe als Modell, mit denen sich der liebeskranke Künstler seinen Kummer von der Seele malte. Jetzt aber und gerade recht zur aktuellen Ausstellung mit Grafiken Kokoschkas in Aschaffenburg, ist der legendäre Fetisch scheinbar wieder aufgetaucht.

          Verhältnis von Bild und Abbild

          Die Puppe sitzt, nur einen Steinwurf von der Kunsthalle Jesuitenkirche entfernt, beinahe wie die leichten Damen im Amüsierbetrieb von Amsterdam, nackt, mit leuchtend roten Lippen und mit untergeschlagenen Beinen in einem ausladenden Sessel im Fenster des Kornhäuschens (Webergasse am Schloss). Mag sein, Kokoschka würde sich bei ihrem Anblick womöglich noch ein letztes Mal im Grab umdrehen. Doch Kerstin Cmelka und Adrian Williams, deren Ausstellung „Die stille Frau“ derzeit in dem vor kurzem von Anne Hundhausen und Doris Kroth eröffneten Kunstraum zu sehen ist, geht es um deutlich mehr als um die schlichte Rekonstruktion eines Mythos. Cmelka, die ihrerseits mit Briefen und Fotos ihrer damaligen Kommilitonin an der Städelschule den Auftrag gab, eine Alma-Mahler-Puppe anzufertigen, interessiert sich vielmehr für prinzipielle Fragen.

          Für das Verhältnis von Bild und Abbild etwa, Original und Kopie und deren auratische Qualitäten; für die Kunst und ihr Scheitern, die Erscheinungsformen des Begehrens sowie die Mythen, die sich um derlei Fragen ranken; und nicht zuletzt für Authentizität und Simulation und all die Geschichten, die uns das daran glauben lassen oder eben nicht. Dass die 1974 in Niederösterreich geborene Künstlerin gerade Adrian Williams mit der Realisierung des Konzepts betraute, die bislang vor allem mit Performances und Installationen auf sich aufmerksam gemacht hat, ist kein Zufall. Denn nicht nur, dass die Meisterschülerin von Ayse Erkmen für ihre Auftritte schon allerlei Figuren und Verkleidungen angefertigt hat.

          Williams, so zeigen ihre die Ausstellung flankierenden, eigens für das Kornhäuschen entstandenen Arbeiten, ist selbst eine begnadete Erzählerin höchst seltsamer Geschichten, Märchen, Thriller und angeblich wahrer Anekdoten, die sie fragmentiert oder verrätselt in wechselnden Medien verdichtet und dabei die Wahrnehmung fast unmerklich verschiebt. Und eh man sich's versieht, ist man mit seinen eigenen Ängsten, Träumen und Gelüsten mittendrin und selbst ein Teil davon. Während sie etwa im vergangenen Jahr in Wiesbaden eine – dem Betrachter unbekannte – Geschichte von einem Komponisten vertonen ließ und im Raum selbst nur ein paar eklektische, auf Kimonos gestickte Hinweise hinterließ, hat die Künstlerin nun, so die Legende, eine Erzählung ihrer Großmutter aus der französischen Résistance in Öl auf Leinwand umgesetzt: als bescheidenes Stillleben mit Artischocke.

          Künstlerische Rache

          Und doch ist es schließlich die „stille Frau“, die nachgebaute Alma-Mahler-Puppe also, die wohl für die größten Irritationen sorgt an diesem Ort. Denn so, wie sie da stumm und wie auf Freier oder auch, wer weiß, vielleicht gar auf Kokoschka wartend in ihrem Fenster sitzt, scheint sie die leibhaftige – wenn auch nicht gerade Fleisch gewordene – Widergängerin jener Posse, die gerade erst Aschaffenburg erschütterte, als ein Bordell gleich um die Ecke geschlossen werden sollte. Was für eine ironische, hochkomische Volte. Kokoschkas „Stille Frau“ als kaum minder stille künstlerische Rache: für fürderhin verbotene Liebesabenteuer.

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