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Artotheken : Ein Bild auf Zeit

  • -Aktualisiert am

Kunst auf Pump: in der Wiesbadener Artothek Bild: F.A.Z. - Michael Kretzer

Viele Artotheken gibt es noch nicht. In der Region sind es gerade einmal vier. Sie funktionieren wie Bibliotheken - doch statt Bücher verleihen sie Kunstwerke für zu Hause und wenig Geld.

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          In Wiesbaden liegt sie in einem Gewerbegebiet zwischen Schrottplatz und Fitness-Center, und nur Eingeweihten ist bekannt, dass sie hier, „Im Rad“, nicht nur Sport treiben, sondern auch Kunstwerke mieten können. „Wir hoffen schon seit Jahren auf den Umzug in eine besucherfreundlichere Gegend“, sagt Artotheks-Leiterin Heidi Bastian. „Laufkundschaft verirrt sich leider nicht zu uns in dieser abgelegenen Ecke.“

          Die Wiesbadener Artothek ist eine von vier Einrichtungen im Rhein-Main-Gebiet, die Kunstwerke verleihen wie Bibliotheken Bücher. Auch im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen, in der Fußgängerzone von Neu-Isenburg und in der Stadtbücherei in der Innenstadt von Offenbach kann jedermann Bilder und Skulpturen entleihen, um das eigene Wohnzimmer, die Arztpraxis oder den Konferenzraum zu verschönern.

          Geringe Entleihgebühr

          Die Strukturen sind unterschiedlich: Den Frankfurter Kunstverleih betreibt ein Verein, die Wiesbadener Artothek ist dem Kulturamt angegliedert, in Neu-Isenburg ist sie ein Angebot der Volkshochschule, und in Offenbach stehen die Ziehregale mit den Bildern in der Stadtbücherei.

          Zahlreiche Bilder können gemietet werden

          So verschieden wie die Organisationsformen sind auch die künstlerischen Schwerpunkte der Sammlungen. Handelt es sich bei den Bildern in Neu-Isenburg hauptsächlich um gefällige farbige Motive in Acryl auf Leinwand, vielfach Blumen oder Landschaften, so setzt die Artothek in Offenbach vor allem auf Druckgrafiken. Die beiden Kunstverleiher in Frankfurt und Wiesbaden sind dagegen recht breit aufgestellt – mit jeweils mehr als 1000 Werken, darunter Zeichnungen und Aquarelle, Fotografien und Ölbilder sowie Objekte und Kleinplastiken. In Frankfurt können private Kunstfreunde zwischen den Arbeiten von 300 Künstlern wählen. Viele kommen aus Frankfurt und Umgebung.

          Gemeinsam ist allen Artotheken die geringe Entleihgebühr. In Frankfurt kostet die Ausleihe eines Kunstwerks elf Euro für acht Wochen, in Neu-Isenburg sogar nur fünf Euro für zehn Wochen. Wer in Offenbach leihen will, zahlt acht Euro für drei Monate, in Wiesbaden sind es für private Entleiher 26 Euro je Objekt und Halbjahr, für Firmen 51 Euro. Rentner und Studenten zahlen zehn Euro.

          Liebgewordene Leihkunst kaufen

          Die älteste der auch „Bildereien“ genannten Kunstverleihe in Rhein-Main ist die Frankfurter Artothek. Sie wurde 1986 mit 200 Exponaten eröffnet, die Künstler, Sammler und die Stadt zur Verfügung stellten. Das Häuschen an der Klappergasse in Alt-Sachsenhausen ist mit seinen Sprossenfenstern und hellen Räumen recht einladend. Die Bilder sind aufgehängt, oder sie lehnen, nach ihrer Größe sortiert, in Stapeln an der Wand. Um alles durchzustöbern, braucht man schon eine Weile. Barbara Fuentes-Jelinek, die Leiterin des Bildverleihs, ist selbst Künstlerin und berät bei der Auswahl.

          „Ich habe schon mehrere Bilder entliehen und eins sogar gekauft“, sagt Matthias Michel im Frankfurter Verleih. „Es ist ein irres Gefühl, hier reinzukommen und sich einfach zu bedienen.“ Er statte sich seine Wohnung je nach Jahreszeit und Stimmung mit ganz unterschiedlichen Bildern aus, erzählt der Architekt. Ein Kunstwerk hat es ihm besonders angetan: ein Bild der Frankfurter Künstlerin und Mitgründerin der Artothek Heidi Böttger-Polak. Dies war ihm so ans Herz gewachsen, dass er sich nach Ablauf der Leihfrist nicht mehr davon trennen wollte. Also kaufte er es für etwas weniger als 200 Euro.

          In nahezu allen Artotheken ist es möglich, liebgewordene Leihkunst zu kaufen. Die Verleiher wollen damit nicht nur Kunstfreunden Zugang zu günstigen Objekten verschaffen, sondern auch die Künstler der Werke unterstützen. In Neu-Isenburg erhalten die Künstler den vollen Kaufpreis, in Frankfurt 90 Prozent davon.

          Kunstwerke sind in der Regel versichert

          Auch in Offenbach ist es möglich, Werke aus der Sammlung zu erwerben. Allerdings gibt es nach Angaben des Leiters der Stadtbücherei, Ernst Buchholz, kaum eine Nachfrage. Wiesbaden kommt dem Wunsch nicht so gerne nach. Zeigt ein Kunde jedoch großes Kaufinteresse, vermittelt Heidi Bastian den Kontakt zum Künstler oder zu einer Galerie, die ein ähnliches Objekt anbietet.

          Wer ein Bild in seine Obhut nimmt, verpflichtet sich, es pfleglich zu behandeln. Mit Ausnahme von Wiesbaden sind die Kunstwerke der Artotheken gegen Beschädigung und Diebstahl versichert. In Wiesbaden trägt der Entleiher das Risiko. Nach Angaben der Verleiher gab es bisher jedoch keine größeren Vorkommnisse. In der Regel kämen die Kunstwerke unbeschädigt zurück.

          Die Artotheken

          Frankfurt: Klappergasse 12; geöffnet Donnerstag 14 bis 20 Uhr, Freitag 12 bis 18 Uhr und Samstag 10 bis 14 Uhr; Telefon 0 69/62 16 08.

          Wiesbaden: Im Rad 20; geöffnet Montag 9.30 bis 12.30 und 14 bis 16 Uhr, Mittwoch 9.30 bis 12.30 Uhr und 16 bis 19 Uhr sowie jeden ersten Samstag im Monat 9.30 bis 12.30 Uhr; Telefon 06 11/31 23 86.

          Neu-Isenburg: in der VHS, Bahnhofstr. 2, geöffnet während der VHS-Öffnungszeiten; Telefon 0 61 02/ 25 47 46.

          Offenbach: Herrnstraße 84; Dienstag bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Montag und Samstag 10 bis 16 Uhr; Telefon 0 69/80 65 28 79.

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