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Arthur Miller in Frankfurt : Leidenschaft und Eifersucht

Unter der Brücke menschliche Dramen: Heidi Ecks (links) und Henriette Blumenau in Arthur Millers Stück im Schauspiel Frankfurt Bild: Birgit Hupfeld

Im Schatten der Brooklyn Bridge: Arthur Millers „Ein Blick von der Brücke“ in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspielhauses.

          3 Min.

          Die Mischung aus Lokalkolorit, Milieustudie, Zeitkritik auf der einen und persönlichen Konflikten von antik-mythologischen Ausmaßen auf der anderen Seite haben neben den französischen gerade auch die amerikanischen Dramatiker in der Mitte des vorigen Jahrhunderts mit Vorliebe zubereitet. Arthur Miller hat sein Stück „Ein Blick von der Brücke“ 1955 zunächst als Versdrama herausgebracht, mit einem Chor, der nicht etwa als Zitat, sondern als Wiederaufnahme der griechischen Tragödientradition zu verstehen war. Das war zu viel für den Broadway, wo das Trauerspiel aus dem Leben italienischer Einwanderer im New Yorker Hafenviertel Red Hook im selben Jahr auf die Bühne kam. Ohne langes Zögern schrieb der Dramatiker eine Prosafassung, die 1956 im Londoner Westend von Peter Brook uraufgeführt wurde. Vom Chor blieb eine Erzählerfigur übrig, der Anwalt Alfieri, in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspielhauses mit der nötigen Melancholie dessen, der die Verhältnisse durchschaut, dargestellt von Michael Benthin. Florian Fiedler inszenierte das ohne Pause gegebene Werk, das vor anderthalb Jahren noch einmal ins Licht der Öffentlichkeit rückte, als es im New Yorker Cort Theatre mit Scarlett Johansson eine neuerliche Reihe von Aufführungen erlebte.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch in der Frankfurter Version sind Amerika und die fünfziger Jahre sehr präsent. Das reicht bis hin zur Musikauswahl, die sich auf Frank Sinatra konzentriert. Fiedler vertraut zu Recht darauf, dass das Stück auch heute noch funktioniert: Abgesehen von einigen kleinen Strichen wird Millers Text in Szene gesetzt, als sei er von so klassisch eherner Gültigkeit, wie es der Bezug des Autors auf das Trauerspiel des Altertums behauptet. Tatsächlich geht es im Kern um Leidenschaft und Eifersucht, die letztlich zur Selbstzerstörung führen. Am Rand aber werden nicht minder zeitlose Themen wie illegale Immigration und das Armutsgefälle zwischen einzelnen Weltgegenden behandelt, in diesem Fall das Sizilien nach Ende des Zweiten Weltkriegs und die prosperierenden Vereinigten Staaten.

          Aktualisierung von Raum und Zeit

          Aber auch das, was man heute Homophobie nennt, scheint in dem Furor auf, mit dem der Hafenarbeiter Eddie (Martin Rentzsch) den zusammen mit dessen Bruder Marco (Johannes Kühn) in ihrem bescheidenen Haus untergeschlüpften Rudolpho (Mathis Reinhardt) bei Anwalt Alfieri in Misskredit bringen will: Der illegale Einwanderer singt bei der Arbeit, näht und kocht. Er wolle seine Nichte Catherine (Henriette Blumenau) nur wegen der Aufenthaltserlaubnis heiraten, geifert Eddie. Angesichts all dieser Motive mag eine Aktualisierung von Raum und Zeit nicht nötig sein, auch wenn die hier praktizierte Form von historistischer Aufführungspraxis gelegentlich ein wenig museal anmutet. Man könnte auch sagen: Die Regie passt sich angelsächsischen Theater-Gepflogenheiten an. Der Spannung und der Unterhaltung jedenfalls ist das nicht abträglich.

          Eddie verkraftet es nicht, dass Catherine, die bei ihm und seiner Frau Beatrice (Heidi Ecks) aufgewachsen ist, Rudolpho liebt. Der Onkel, kein böser, sondern ein ebenso in seiner sozialen Schicht verhafteter wie von seinen inzestuösen Neigungen zur Schutzbefohlenen getriebener Mensch, verrät die beiden jungen Männer an die Einwanderungsbehörde. Das Unheil nimmt seinen Lauf. „Eddie Carbone wäre nie auf die Idee gekommen, ein Schicksal zu haben“, heißt es über ihn.

          Ein schäbiges Wohnnest

          Die Bühnenbrücke ist eine Andeutung der Brooklyn Bridge, in deren Schatten der Stadtteil der italienischen Hafenarbeiter liegt. Der Titel des Stücks meint den Blick des Autors, der die Brücke nicht mehr nur als Verbindung zweier Stadtteile sieht, sondern unter ihr menschliche Dramen wahrnimmt. Die Wohnung, in der sich die Tragödie abspielt, liegt eingesenkt im Bühnenboden, hinten das Wohnzimmer, vorn die Küche, die Verbindung der beiden getrennten Spielbezirke ist unterirdisch. Ein schäbiges Wohnnest, das nur einen kleinen Teil der Bühne ausmacht, ein Ort der Enge, ein Tatort, den als Erster der Anwalt betritt, um mit seinem Hut das eine oder andere abzustauben, den Plattenspieler etwa, und das Winken der Glückskatze in Gang zu setzen. Sie bewegt das ganze Stück über unablässig den Arm.

          All dies sind Ingredienzien für eine realistische, ja: naturalistische Darstellung. In der Szene etwa, in der Eddie Rudolpho das Boxen beizubringen vorgibt, ihn in Wirklichkeit aber niederschlagen will, spielen die Akteure mit hohem Körpereinsatz. Andeutungen sind nicht Sache dieser Inszenierung. Ihr Ziel ist Deutlichkeit. Auch in den wenigen Traumsequenzen: Nachdem Catherine Rudolpho den Zucker für seinen Kaffee gereicht hat, wirft dieser ein wenig davon in die Luft, der Zucker verwandelt sich in Silberstaub und die Szenerie zu einem Tanz ins Glück für die beiden. Mehr noch frappieren die vielen gestischen Details, die der psychologischen Charakterisierung der handelnden Personen dienen. Da fügt sich eins zum anderen. Ein Abend reinen Schauspieler-Theaters. Und eine Feier des Millerschen Textes.

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