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Archiv des Deutschen Architekturmuseums : Hüterin der verborgenen Schätze

  • -Aktualisiert am

Enthusiasmus und Sorgfalt: Archivleiterin Inge Wolf . Bild: Frank Röth

Enthusiasmus und Sorgfalt sind Voraussetzung für die Arbeit im Archiv. Da bildet das Depot des Deutschen Architekturmuseums keine Ausnahme. Inge Wolf leitet das Archiv.

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          Hannah Crass macht drei Kreuze, wenn sie das letzte Häkchen gesetzt hat. Seit Anfang September hat sie fast täglich das Archiv des Deutschen Architekturmuseums an der Hedderichstraße betreten, griff jedes Mal nach den Blättern mit den Inventarlisten und stieg dann hinab ins Untergeschoss, um die dort gelagerten Ausstellungsplakate zu katalogisieren. Blatt für Blatt, Sammelmappe für Sammelmappe – hinter jedes Objekt ein Häkchen setzen. Mehr als 6000 Mal. Keine allzu spannende Aufgabe für eine 20 Jahre alte Frau, sollte man meinen. Doch Hannah sagt: „Hier ist man umgeben von Geschichte. Als Besucher ist man lange nicht so nahe dran.“

          Enthusiasmus und Sorgfalt sind Voraussetzung für die Arbeit im Archiv. Da bildet das Depot des Deutschen Architekturmuseums keine Ausnahme. In Frankfurt-Sachsenhausen sowie in einer kleineren Halle im Stadtteil Bergen-Enkheim lagern auf rund 1700 Quadratmetern Fläche eine Vielzahl von Objekten: zirka 200.000 Architekturpläne, Zeichnungen und Skizzen sowie rund 1500 Modelle, Bilder und Möbel. Hinzu kommen noch etwa 20 000 Bücher in einer eigenen Bibliothek. Der Schwerpunkt liegt auf deutscher und internationaler Architektur vom 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

          Es wird keinen Katalog im Internet geben

          Geleitet wird das Archiv seit fast zwei Jahrzehnten von Inge Wolf. Personal ist rar, daher hütet die zierliche Dreiundfünfzigjährige die Schätze fast im Alleingang. In den vergangenen Monaten hatte sie jedoch Unterstützung. Außer Hannah Crass, die ein sogenanntes freiwilliges Jahr in der Denkmalpflege absolviert, waren drei Mitarbeiter bis Ende des Jahres dabei, die Bestände zu sichten und den Wert der Objekte festzustellen.

          Wenngleich die Ergebnisse digital festgehalten werden, wird es keinen Katalog im Internet dazu geben. „Es gab zwar Testläufe, aber es hat mit der Software nicht so gut geklappt wie gedacht“, sagt Wolf. Und natürlich spiele auch hier der Personalmangel eine Rolle. Denn die Daten müssten ja nicht nur erfasst, sondern die Datenträger auch regelmäßig konvertiert werden. Was nütze ein Regal voller CDs, wenn diese von den aktuellen Computerprogrammen nicht mehr gelesen werden könnten, fragt Wolf. Und legt weiter Akten an. Noch schwerer wiegt der Platzmangel. So wetteiferten vor einigen Wochen in der großen Lichthalle beispielsweise die Modelle für die Martin-Elsaesser-Ausstellung mit Skizzen von Gottfried Böhm um jeden Zentimeter Tischfläche. In Seitenregalen stapeln sich außerdem vergilbte, an den Rändern gekräuselte Baupläne, die auf Sichtung und eventuelle Restaurierung warten.

          Ludwig Mies neben Hans Poelzig

          Überraschend geordnet und trist dagegen sind die Kellerräume: Hier steht Stahlschrank neben Stahlschrank, nur kleine Plaketten mit dem Namen der Architekten geben Orientierung. Hier und da ist sogar ein freies Regalbrett zu entdecken. „Das täuscht“, sagt Wolf, während sie eine Schublade mit Skizzen von Aldo Rossi aufzieht. „Darin liegen mehr Blätter, als eigentlich vorgesehen sind. Und wenn im Regal mal Platz ist, dann nur, weil das Modell gerade ausgeliehen ist.“

          Vielleicht gerade deswegen ist ein Rundgang durch dieses Sammelsurium so faszinierend. Da drängen sich Ludwig Mies van der Rohes Werke neben denen von Hans Poelzig, verbirgt sich ein Modell von Frank Gehrys Fischrestaurant in Kobe – das tatsächlich die Form eines Fisches hat – unter einem Stofftuch, versteckt sich Jochem Jourdans Modell der Documenta-Halle in Kassel in einer dunklen Ecke. Andere Modelle wurden gebaut und sind schon wieder abgerissen, wie die „Piazza d’Italia“ von Charles Moore in New Orleans. Oder sie wurden nie verwirklicht wie die Leichtathletikhalle, die Norman Foster 1982 für Frankfurt entwarf. Überall stapeln sich Kisten mit zurückgegebenen Ausstellungsstücken. „Besuchergruppen können wir leider nicht mehr zulassen, dafür steht es viel zu eng hier“, sagt Inge Wolf. Und auch Einzelpersonen bekommen sehr selten Zugang, da Wolf stets Aufsicht führen muss. So sind es jedes Jahr nur ein paar Dutzend Wissenschaftler, die hier recherchieren dürfen.

          Auch Neuzugänge werden weniger. „Nach 25 Jahren ist das Archiv voll“, sagt Wolf. Und daran werde sich vorerst nichts ändern – denn die Pläne der Stadt Frankfurt, an der Borsigallee ein Depot einzurichten, in dem alle nicht ausgestellten Objekte der städtischen Museen aufbewahrt werden sollten, sind erst einmal vom Tisch, weil Geld fehlt. „Dadurch sind wir gezwungen, sehr viel strengere Maßstäbe anzulegen für Neuaufnahmen“, sagt Wolf. So werden keine kompletten Nachlässe verstorbener Architekten mehr angenommen, sondern nur noch einzelne Pläne.

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