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Arcade Fire : Bewährung im Ring

In den Ring gestiegen: Arcade Fire lieferten in der Frankfurter Festhalle eine erstaunliche Liveshow ab. Bild: Wiesinger, Ricardo

Sie sind die Champions: Die kanadische Band Arcade Fire zeigt in der Frankfurter Festhalle eine tolle Show und lassen sogar den erfahrenen Konzertgänger staunen.

          Die Gladiatoren unserer Zeit sind nicht nur die Sportler, sondern auch die Musiker. Nun, da sie meist nicht mehr von Plattenverkäufen, sondern vorrangig vom Konzertieren leben, müssen sie dem Publikum ein Spektakel bieten, damit dieses nicht ungnädig die Daumen senkt. Die kanadische Band Arcade Fire hat diese Herausforderung schon seit einiger Zeit angenommen und sich immer wieder neue Gedanken über ihre Bühnenpräsentation gemacht. Was sie nun aber in der Frankfurter Festhalle aufgefahren hat, dürfte selbst die abgeklärtesten Konzertgängern in Staunen versetzt haben.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In der Mitte der Festhalle war eine Konstruktion aufgebaut, die sofort an einen Boxring oder ein Wrestling-Geviert denken ließ. Die Idee dahinter war spätestens dann offensichtlich, als die neun Musiker der Band im Stile von Boxern oder Wrestlern durch ein Publikumsspalier den Weg zu diesem Boxring nahmen, der tatsächlich die Bühne war.

          Zwei-Generationen Publikum

          Eine Stimme aus dem Off rühmte sie auf ihrem Weg als die amtierenden Schwergewichtschampions der Welt, während auf den an Billboards erinnernden Videoleinwänden Win Butler, Régine Chassagne und der Rest der Band wie bei Sportübertragungen im nordamerikanischen Fernsehen vorgestellt wurden. War schon beim Einmarsch „Everything Now“ vom gleichnamigen Album in einer instrumentale Fassung zu hören, stürzte sich die Band, kaum auf der Bühne, gleich in diesen, auf so charmante wie plakative Art nach ABBA klingenden Song. Und hatte damit gleich das zwei Generationen umfassende Publikum auf seiner Seite, das nicht lange nach dem Hintersinn des „Alles jetzt“ fragte. Was zu kriegen ist, wird genommen, vor allem wenn eine Band nicht nur ihr aktuelles Album, sondern auch ihren, im Falle von Arcade Fire ja wirklich exzellenten, Katalog im Blick hat, aus dem es reichlich zu hören gab.

          Und sehen sollte das Publikum auch, und zwar ebenfalls alles, weshalb die Musiker nicht nur fortwährend ihre Instrumente tauschten, sondern zudem ihre Positionen an den vier Seiten der Bühne, deren Mittelteil außerdem rotierte, um auch den Schlagzeuger in allen Facetten seines schweißtreibenden Spiels zu zeigen. War Jeremy Gara mit seinen Rhythmen noch akzentuiert zu hören, litten die ausgefeilten Arrangements etlicher Arcade-Fire-Songs unter dem wenig differenzierten Sound in der Festhalle. Sah man auch die Musiker mit Gitarren, Keyboards, Trompeten, Saxophonen, Percussion und selbst einer zu einer Art Xylophon umfunktionierten Glasflaschen-Batterie hantieren, hörte man doch oft eher einen Klangmatsch.

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          Weil die Klassiker der Band wie „No Cars Go“ oder „Neighborhood#1 (Tunnels)“ aber trotzdem zu erkennen und entsprechend überwältigend waren, steigerte sich die Stimmung im Publikum mit jedem Song noch ein wenig mehr, um spätestens bei Régine Chassages Darbietung von „Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)“ eine Ausgelassenheit wie in der Disco samt Glitzer und Glimmer zu erreichen, selbst wenn Arcade Fire grundsätzlich ja eher an den Schattenseiten des Hedonismus interessiert sein dürften.

          Solches Hinterfragen wie auch die Beobachtung gesellschaftlicher Entwicklungen, die vor allem die ersten drei Alben der Band auszeichneten, will nicht jeder in den neuen, sehr tanzbaren Songs erkennen. Allerdings erwies sich gerade die Version von „Put Your Money On Me“ in Kombination mit den sich rasend schnell verändernden Zahlen- und Buchstabenkombinationen auf den Videoleinwänden als ein sehr treffender Kommentar zu all den rasenden Transaktionen, die gerade an Finanzstandorten wie Frankfurt die Welt rotieren lassen, während sich das Volk bei Brot und Spielen vergnügt und damit ruhiggestellt wird.

          Der kollektiven Sedierung waren der charismatische Frontmann Win Butler und die seinen dann aber doch vor, als sie im Verbund mit der feinen Preservation Hall Jazz Band, die auch das Vorprogramm bestritten hatte, zum euphorischen Singalong-Rausschmeißer „Wake Up“ ansetzten, der die rund fünftausend Zuhörer in der Halle ein weiteres Mal zum freudigen Mitsingen animierte. Das dauerte auch noch an, als die Band im Triumphzug durch ein erneutes Spalier die Bühne verlassen, Win Butler Iggy Pops „Lust For Life“ zitiert und die Eintracht-Fans im Publikum die Nachricht vom Einzug ihres Lieblingsvereins ins Pokalfinale gehört hatten. An einem Abend alles zu bekommen war eines ausgiebigen Gesangs wert. Daumen hoch.

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