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„Apologia“ im English Theatre : Rechtfertigung (m)eines Lebens

Jedes Bild erzählt eine Geschichte: Kristin (Diana Fletcher) und ihre Geburtstagsgäste Bild: ETF/Martin Kaufhold

Es konfrontiert die Hoffnungen und Ideale der Rebellen von 1968 mit der Realität von heute. Alexi Kaye Campbells Generationenstück „Apologia“ im English Theatre ist komisch und tragisch zugleich.

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          Die Hölle, das ist die Familie. Zumindest wenn ihr ein selbstsüchtiger Drachen wie Kristin Miller vorsteht, der sein Leben seiner Karriere und seinen ureigenen Überzeugen gewidmet hat. Und Kristin hat Karriere gemacht. Sie ist eine berühmte Kunsthistorikerin geworden und eine erfolgreiche obendrein, wirbt doch selbst in Londons legendärer Buchhandlung Hatchards eine Pappfigur mit ihrem Konterfei für ihr jüngstes Buch. Dieses Werk handelt allerdings nicht von einem Künstler der italienischen Renaissance, ihrem Fachgebiet, sondern von ihr selbst.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist eine Autobiographie, die von wilden Studententagen 1968 auf den Pariser Barrikaden und langen Studienjahren in Florenz erzählt, von politischen Überzeugungen und einer brennenden Leidenschaft für ihren Beruf, aber einen Fakt gänzlich unerwähnt lässt: Kristin ist auch Mutter, sie hat zwei erwachsene Söhne. Und die sind tief getroffen von Kristins Blick auf die Vergangenheit.

          Hoffnungen und Ideale der Rebellen

          Vor diesem Hintergrund hat der griechisch-britische Autor Alexi Kaye Campbell sein Generationenstück „Apologia“ angelegt, das nun in einer Inszenierung von Audrey Sheffield am English Theatre Frankfurt zu sehen ist. Uraufgeführt im Jahr 2009 im Bush Theatre in London, hat sich das Werk seine Aktualität bewahrt, wenn es, durchaus kritisch, die Hoffnungen und Ideale der Rebellen von 1968 mit der Realität von heute konfrontiert.

          Das Heute ist eine Kristin (Diane Fletcher) in ihren Siebzigern, die in einem hübschen Landhaus lebt, wohin sie ihre Söhne Peter und Simon (in beiden Rollen James Groom) und deren Partnerinnen Trudi (Molly Gromadzki) und Claire (Rebecca Layoo) sowie Hugh (Ian Barritt), einen alten schwulen Freund aus den Tagen der Revolte, zu einer Geburtstagsfeier eingeladen hat. Die beginnt gleich mit einem Rückschlag, weil der Backofen nicht recht will und das Essen somit hinfällig ist. Stattdessen wird Essen beim Chinesen bestellt und tüchtig Wein und Schaumwein gezecht, was schon bald die Zungen löst.

          Die schwärmerische Amerikanerin

          Vor allem Kristin erweist sich als alles andere als eine konziliante Gastgeberin. Als gäbe sie ohnehin nichts auf Manieren, gefällt es ihr, die gutherzige, etwas schwärmerische Amerikanerin Trudi wegen ihres christlichen Glaubens und ihrer mangelnden kunsthistorischen Kenntnisse vorzuführen, wie sie auch der Schauspielerin Claire den Rang als Künstlerin abzusprechen versucht, weil die nicht mehr Off-Theater spielt, sondern eine gutbezahlte Rolle in einer TV-Soap angenommen hat und im Porsche durch die Gegend kutschiert. Auch ihr Sohn Peter bekommt sein Fett weg, arbeitet der doch für eine vorrangig in Afrika tätige Bank, ist also geradewegs den Bund mit dem Teufel eingegangen, zumindest aus Sicht der früheren Kommunistin Kristin.

          Der Einzige, der Kristins Herz zu rühren vermag, ist Simon, der sich dem gemeinsamen Essen verweigert hat und erst in der Nacht im Haus seiner Mutter eintrifft. Er ist der jüngere der beiden Brüder, sensibler als Peter und mitgenommener vom plötzlichen Verlust der Mutter in der Kindheit, als der Vater die Buben zu sich genommen hatte. In einer beklemmenden, geradewegs an ein Tschechow-Stück erinnernden Szene schildert Simon seiner Mutter, wie er sie einmal in Italien besuchen wollte und sie nicht zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Ort in Genua auftauchte und er von einem fremden Mann mit nach Hause genommen wurde, der ihm aber nichts antat, wie eine merklich aus ihrem akademischen Panzer gelockte Kristin schließlich erleichtert zu hören bekommt.

          Gleichwohl beharrt sie weiter auf ihrer Entscheidung, die Söhne in dem Buch nicht erwähnt zu haben, sei es ihr doch um eine Apologie, eine Rechtfertigung ihres beruflichen Lebens gegangen. In diesen Schilderungen, wie auch in den gemeinsam mit Hugh geteilten Erinnerungen, scheint jedoch durch, dass es ihr in ihrem Handeln doch um viel mehr als nur ihr eigenes Fortkommen ging und sie daraus auch ihre moralische Rechtfertigung zieht: Es war ihr um eine bessere Welt, und dafür hat sie Opfer gebracht. Verzeihen kann sie sich für ihr Handeln aber nur selbst, wie ihr ausgerechnet Trudi am Ende dieses exzellent geschriebenen, von allen fünf Darstellern ganz vorzüglich gespielten, sehr amüsanten, manchmal aber auch beklemmenden Stücks vor Augen führt.

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