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Neue Stadtschreiberin : Ins Fremde hineingehen

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Ihren Erstlingsroman „Wie hoch die Wasser steigen“ veröffentlichte Anja Kampmann 2018 nach fünf Jahren Schreibzeit. Bild: Frank Röth

Hamburg, Amerika, Leipzig und nun ein Jahr lang Frankfurt: Anja Kampmann ist die neue Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim. Ganz wird sie sich dem Stadtteil aber nicht verpflichten.

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          Es ist unauffällig klein, weiß gestrichen, unprätentiös wirkt es, wie es sich so an das rot geklinkerte Nachbarhaus anschmiegt: das Stadtschreiberhaus An der Oberpforte 4 in Bergen-Enkheim. Doch seine Bewohner sind keine gewöhnlichen Bürger mit gewöhnlichen Berufen. Jedes Jahr pünktlich am Wochenende vor dem ersten Dienstag im September zieht ein Schriftsteller dort ein, meistens nur symbolisch.

          An der Fassade des Hauses sind die berühmten Namen auf Metallplaketten angeschraubt. Heute übergibt Clemens Meyer, der amtierende Stadtschreiber, die Haustürschlüssel an Anja Kampmann. Wer ist die Frau, die dann neue Bergen-Enkheimerin wird?

          Ausbildung in Leipzig

          Eigentlich kommt Kampmann aus dem Norden, aus Hamburg. Doch wie so viele junge aufstrebende Autoren, Kampmann ist 37 Jahre alt, durchlief sie ihre Schreiber-Ausbildung am Leipziger Literaturinstitut. Über ihre Zeit dort sagt sie: „Ich hätte mir etwas frischeren Wind gewünscht.“ Nach dem Studium zog es sie ins Ausland. Kampmann war in Amerika, arbeitete dort mit Musikern zusammen, sie begann ihre Dissertation. Nebenher veröffentlichte sie Gedichte.

          2016 erschien ihr erster Lyrikband: „Proben von Stein und Licht“. Ihren Erstlingsroman veröffentlichte sie 2018. In „Wie hoch die Wasser steigen“ erzählt sie die Geschichte des Arbeiters Waclaw. Der arbeitet auf einer Bohrinsel und verliert in einer stürmischen Nacht auf See seinen letzten verbliebenen Freund. „Ein riesiges Wesen hatte alles, was gestern gewesen war, fortgerissen.“ Es sind die Gedanken der Hauptfigur Waclaw. Weiter: „Verdammt noch mal, sie denken, es ist leicht verdientes Geld, dass denken sie alle.“

          Waclaw gerät in eine Krise, er verlässt die Bohrinsel und beginnt eine Tour durch Europa, die ihn zuallererst nach Ungarn, zu der Familie des verstorbenen Freundes, führt. Seine anschließende Reise von Westafrika über Malta nach Italien endet in seiner alten Heimat, dem heruntergekommenen Ruhrgebiet.

          Fünf Jahre geschrieben

          Was nach einem Roadmovie klingt, ist die Geschichte eines Menschen, der seiner atemlosen Schufterei für international agierende Konzerne nach und nach entsagt und einen Versuch unternimmt, in ein sinnstiftendes Leben zu fliehen.

          Das Schreiben des Romans habe fünf Jahre gedauert, berichtet Kampmann bei ihrer Vorstellung in Bergen-Enkheim. Sie habe dafür „das ganz Bohrlatein rauf und runter gelernt“, mit Menschen gesprochen, die dort arbeiten. Sie habe „Cabin-Videos“ von Arbeitern ausgewertet, immer mit dem Ziel, alle noch so kleinen Abläufe zu verstehen. Und sie wollte wissen: „Was macht das mit den Leuten?“ Die Bohrinsel, das sei manchmal eine brutale Welt, sagt Kampmann.

          Heute erreichen sie E-Mails von Fremden, die das Leben auf den Inseln kennen. Man merkt ihr an, dass es sie stolz macht, wenn die ihr bestätigen: „Genau so ist es dort.“ Sie habe sich bewusst dagegen entschieden, „etwas Autobiographisches“ zu schreiben. „In Deutschland habe ich mich gefühlt ein Dreivierteljahr dafür rechtfertigen müssen.“

          Hamburg, Leipzig, Bergen-Enkheim

          Dass junge Schriftsteller in ihrem Erstlingswerk oft eigene Erlebnisse verarbeiten, sei ein Trend, den sie in diesem Ausmaß nur aus Deutschland kenne. Ihr gehe es in erster Linie um die Sprache, „der Autor sollte nicht relevant sein“. Stattdessen wolle sie sich einleben, in fremde Welten, „ins Fremde reingehen“, so drückt sie es aus. Kampmann macht klar: „Das ist doch, was eigentlich Literatur sein sollte.“

          Hamburg, Amerika, Leipzig und nun ein Jahr lang Bergen-Enkheim? „Nein“, sagt sie: „Hälfte, Hälfte“. Die Zeit in Frankfurt wolle sie nutzen, um eine Erzählung zu beenden, eine Kooperation mit einer Musikerin voranzubringen – und „ich habe noch Gedichte auf dem Tablett“. Ein paar von denen würden noch Arbeit vertragen.

          Sie habe sich sehr über die Auszeichnung gefreut. Mitten in der Nacht habe sie eine „euphorische E-Mail bekommen“. Dabei habe sie immer gedacht, Stadtschreiber von Bergen-Enkheim werde man erst, „wenn man schon drei, vier Dramen geschrieben hat“. Ihren neuen Arbeitsplatz, das weiß gestrichene Haus, kannte sie bislang nur von einem Foto. Gemütlich sehe es aus, sagt Kampmann, und dass sie sich auf den kleinen Garten freue. „Ich habe gehört, die Schuppentür klemmt“, sagt sie und lächelt.

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