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Alt werden und jung bleiben : Würde, Coolness, Ewigkeit

Kame Nishihara von Karsten Thormaehlen, Japan. Bild: dpa / Weltkulturen Museum Frankfurt

Angst vor dem Älterwerden? Dann lohnt sich die Ausstellung „Grey is the new Pink“ im Frankfurter Weltkulturen Museum. Dort lernt man zum Beispiel: „Hör auf die Worte der Zahnlosen.“

          Es ist nicht das Schlechteste, wenn einen eine Ausstellung leicht verwirrt zurücklässt, und das hat ja sogar etwas mit dem Thema zu tun, schließlich lässt sich nicht leugnen, dass Orientierungslosigkeit ein Symptom vieler Zustände ist, in die das Gehirn im Alter geraten kann. Da möchte man sich sogleich auf einen der afrikanischen Würdestäbe stützen, um nicht auch noch zu straucheln, aber so fein säuberlich, wie sie in der Mitte des Raums angeordnet sind, dienen sie ausschließlich der Betrachtung. Und kontrastieren mit Fotografien des kenianischen Künstlers Osborne Macharia, von dem mehrere Bildnisse eines älteren Herrn als jugendlicher Hip-Hopper zu sehen sind.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Was mit Alterswürde nicht direkt etwas zu tun hat, sondern eher mit dem offenbar internationalen Trend, das Alter abzuschaffen und sich auch noch in seinen späten Jahren dem Diktat von Fitness, Coolness und ewiger guter Laune hinzugeben. Es scheint kein Unterschied mehr zu existieren zwischen dem Jungen und dem Greis, alle Differenzen sind offenbar eingeebnet, aber in Wirklichkeit beziehen diese Aufnahmen ihre Wirkung ja aus dem Unterschied zwischen dem Alter des Models und seinem modisch-sportlichen Erscheinungsbild.

          Auf die Insignien des Dorfältesten verzichtet der Mann aus Nairobi gewiss gern zugunsten seines durchtrainierten Körpers, seines Skateboards und des Montainbikes, auf dem er sich so lässig präsentiert, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Wie es für Influencer im Rentenalter mittlerweile gang und gäbe ist, sich auf Youtube zu tummeln und eine stets größer werdende Menge an Followern zu gewinnen.

          Das Unabänderliche hinnehmen

          Auch davon handelt die Schau „Grey is the new Pink – Momentaufnahmen des Alterns“ im Frankfurter Weltkulturen-Museum. Dabei geht es nicht nur um alte Leute, die genau das nicht sein wollen oder sich aber keinen Deut darum scheren, es zu sein, und tun, wozu sie lustig sind. Nein, auch Kinder und Jugendliche, die unbedingt erwachsen, also älter sein wollen, als sie sind, werden neben vielem anderen zum Thema. In der Arbeit der israelischen Videokünstlerin Naama Attias zum Beispiel: „Ain’t Nothing wrong with being Beautiful“ ist der Titel einer Serie mit Porträts von jungen Menschen, die wegen Schminke und Aufmachung ihrer natürlichen Altersstufe weit voraus sind.

          Ethnologische Objekte neben Videoinstallationen, Malerei aus Australien neben demographischen Erläuterungen, diese Ausstellung bietet eine Fülle an Bildern und Informationen. Einsendungen von Privatleuten aus aller Welt zum Thema Älterwerden zieren mehrere Wände, ein Potpourri an Kulturen und Individuen, das Panorama der einen Welt, in der wir leben und im Grunde alle mit denselben Tatsachen des Lebens zu kämpfen haben. Wie dem Faktum, dass die Jahre dahingehen, ohne dass sie jemand aufhalten kann.

          Aber der Versuche sind zahlreiche, sich damit zu arrangieren, das Unabänderliche auf eine Art und Weise hinzunehmen, die in den seltensten Fällen passiv oder gar fatalistisch ist. Wir erfahren vielmehr von Menschen, die sich mit dem Älterwerden oder dem Altsein nicht nur abgefunden haben, sondern alles daransetzen, es zu gestalten. Oder in gewisser Weise einzudämmen, in Schach zu halten, indem sie etwa ihre Tätowierungen als etwas Immerwährendes verstehen, als zeitlose Prägung ihres Körpers, der vergehen mag im Unterschied zu den Tattoos, die sie an Traditionen binden und mit der Zukunft in einen Zusammenhang bringen.

          Alt werden: Der Breitengrad macht's

          Und wir lernen die „Blue Zones“ kennen, jene Gebieten auf dem Planeten, wo die Menschen am ältesten werden. Es gibt gemeinsame „Lifestyle-Merkmale“ dieser Regionen, die dafür verantwortlich gemacht werden, dass ihre Bewohner länger vital bleiben als die Menschen in anderen Weltregionen. Weniger Stress, die Definition eines Lebenszwecks, bewusste Ernährung, eine semi-vegetarische Lebensweise, mäßiger Alkoholkonsum, regelmäßige Bewegung, lange währende soziale Bindungen, familiäre Zusammengehörigkeit und die Beschäftigung mit Spiritualität oder Religion sind die Faktoren, die anscheinend eine überdurchschnittliche Lebenserwartung befördern. Wie auf Sardinien. Oder im japanischen Okinawa.

          Titellose Einsendung von Axel Netzband, Deutschland. Bilderstrecke

          Erstaunlich ist, dass die „Blue Zones“ alle ungefähr auf dem gleichen Breitengrad liegen. Wie es sich für ein Museum mit einer völkerkundlichen Sammlung fast von selbst versteht, weitet sich das Thema auch aufs Kultische aus: Nach dem Alter kommt der Tod, und die Ahnen spielen schon bei der Geburt eines jeden Menschen eine wichtige Rolle. So sind Ahnenfiguren und Sarkophage Teil dieser Ausstellung, aber das interessierte Publikum darf darauf gefasst sein, dass es auch bei diesen Unterthemen Überraschungen gibt.

          Etwa was die Form der Särge angeht. Oder bestimmte Vorstellungen von der Himmelswelt. Bevor es einen dorthin verschlägt, kann die Ausstellung die Besucher über mögliche Zweifel, ob das wirklich so toll ist mit dem Alter, hinwegtrösten: Schönheit, das zeigt sie, ist alterslos, und etliche Künstler interessieren sich genau dafür. Aber vielleicht hilft auch ein guter Spruch. Mit dem einen oder anderen wartet das Weltkulturen-Museum auf. „Hör auf die Worte der Zahnlosen“, empfiehlt man den Ratsuchenden etwa auf den Fidschi-Inseln. Und in Brasilien heißt es: „Alte Töpfe machen gutes Essen.“ Und davon profitiert doch jeder.

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