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„Andorra“ in Frankfurt : Böses im Normalen

Übel: Der Soldat (Isaak Dettler) quält Andri (Nils Kreutinger). Bild: Thomas Aurin

Max Frisch ist immer aktuell, darum heißt er ja Frisch. Dass der typische Deutschlehrer-Witz Wahrheit mit sich trägt, zeigt nun die Inszenierung von „Andorra“ am Schauspiel Frankfurt.

          2 Min.

          Als Selbstreinigung haben viele „Andorra“ verstanden, als Max Frischs Stück nach der Zürcher Uraufführung im November 1961 die deutschsprachigen Bühnen eroberte. Am Jahrestag des antisemitischen Attentats von Halle, während an der Gallusanlage ein versprengtes Häufchen Maskenverweigerer im Schlepptau einer Demonstration Reden vom „Polizeistaat“ und „Vermummungsgebot“ schwingt und das Blaulicht sich an der Fassade des Frankfurter Schauspiels spiegelt, bekommt „Andorra muss andorranisch bleiben“ wieder einen anderen Geschmack.

          Eva-Maria Magel
          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das erinnert an den Deutschlehrer-Witz, Max Frisch sei immer aktuell, darum heiße er ja Frisch. Und ein bisschen erinnert daran wiederum die Inszenierung von David Bösch, passend zum Schwerpunkt Antisemitismus, den das Schauspiel sich für die Spielzeit gewählt hat. Könnten die Schulklassen so zahlreich wie sonst strömen, sie verließen das Große Haus nach 90 Minuten, befeuert von einem inhaltsreichen Programmheft, mit Stoff für sehr viele Diskussionen und Aufsätze im Deutschunterricht. Wenn hier aktualisiert wird, dann passiert das mehr im Kopf des Publikums als auf der Bühne. Geradezu statuarisch werden auf der abgehängten und verengten Spielfläche (Bühne Patrick Bannwart) die Stationen Andris erzählt. Ein paar wenige pantomimenhafte Gags und umgangssprachliche Volten, das einzige Zeitmerkmal außer der Kleidung (Falko Herold) ist, dass alle männlichen Darsteller, Peter Schröder als Tischler ausgenommen, Bartmoden verschiedenster Ausformung tragen, die ihre Gesichtszüge und Sprechwerkzeuge mehr oder weniger verbergen.

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          Nils Kreutinger spielt intensiv, dennoch wirkt sein Andri in den körperlichen Szenen weniger jung, verzweifelt und in den moralischen weniger zerrissen und schließlich tödlich konsequent, als er es sein könnte. Sarah Grunert als Barblin ist als Opfer einer mutmaßlichen Vergewaltigung und eines Vertrauensbruchs deutlich intensiver als in der Wahnsinnsszene, die in das Finale mit ihren flatternden Armen als entschwebende Seele mündet. Michael Schütz im klischeehaften Cordanzug redet seinen Lehrer-Vater fast schon aus der Schuld heraus, wegen allzu großer Trunksucht.

          Der Schock fehlt

          Dass sich das Böse im Normalen verbirgt, muss man kaum glauben, wenn der Soldat (Isaak Dentler) von Anfang an ein Ekel ist, der Wirt (André Meyer) eine bodenlange Metzgerschürze trägt und von Lehrlingskollege bis Pfarrer (Stefan Graf, Sebastian Reiß, Jonathan Lutz) alle, wenn auch elegant, die Klischees bestens erfüllen. Es fehlt der Schock, dass unter einer netten Fassade Hass und Brutalität lauern. Und über allem hängt das Kreuz, buchstäblich in der Luft, riesig und unerklärlich eingebaut in den Bühnenhimmel. Denn auch wenn es noch so große Schatten wirft – um Religion geht es kaum.

          Die Zuschreibungen, die Andri erdulden muss, und die er selbst später übernimmt, am Ende christusgleich als Sündenbock der anderen, bleiben schrecklich gegenwärtig. Es geht nicht nur um „den Jud“ Andri, sondern um Nation, Ehre, Habsucht und, mit Fußball, Trillerpfeife und Bier, um männlich geprägte Weltbilder. Wenn der Männerchor Andris Schicksal besiegelt, kurz nach dem Mord an der Senora (Christina Geiße), tritt für einen Moment Atemlosigkeit ein. Eine Wucht, die „Andorra“ auch auf jene ausgeübt haben könnte, die mit verdrängtem Gewissen in den Parketten der jungen Bundesrepublik saßen. Der Moment ist recht kurz.

          NÄCHSTE VORSTELLUNGEN von „Andorra“ im Schauspiel Frankfurt am 12., 19. und 23. Oktober jeweils um 19.30 Uhr.

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