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"American Pop Posters" : Im frohen Dienst der Botschaft

Ein Ausflug der Pop-Art in die angewandte Kunst, aber auch eine Geschichte des Plakats in den Vereinigten Staaten: „American Pop Posters“ in den Opelvillen Rüsselsheim.

          2 Min.

          Natürlich möchte man jetzt die richtigen Bilder sehen. Warhols „Flowers“, die „Flags“ und „Targets“ von Jasper Johns, Lichtensteins „Brushstroke“ oder Indianas ikonographisches, zum Signum für ein ganzes Jahrzehnt gewordenes „Love“ in Blau, Rot und Grün, auf Papier, auf Leinwand und als Plastik. Und natürlich wird man enttäuscht in der Ausstellung, die sich in den Rüsselsheimer Opelvillen unter dem Titel „American Pop Posters“nur der Druckgrafik und im engeren Sinne der Plakatkunst von 13 Pop-Art-Künstlern widmet.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass sich die Enttäuschung am Ende in Grenzen hält angesichts der Schau, die am Sonntag eröffnet wird, ist weniger den motivisch auf eigenen Werken basierenden Blättern geschuldet, die fast alle vertretenen Künstler seit Anfang der sechziger Jahre für eigene Ausstellungen etwa in der legendären New Yorker Galerie Leo Castelli entwarfen. Eine „Liz“ von Warhol, seine bunten „Cows“, Indianas Variationen zu „Love“ und „Numbers“ sind schön, poppig und – was in der Natur des Mediums liegt – mitunter durchaus plakativ. Sie machen aber, kennt man die Originale, am Ende nicht recht satt.

          Kleine Geschichte der amerikanischen Plakatkunst

          Die Ausstellung verdankt ihren Reiz vielmehr dem Fokus, den die von Beate Kemfert kuratierte, aus dem Bestand des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe und der Sammlung Claus von der Osten ausgewählte Ausstellung auf die Rolle der Plakatkunst in den Vereinigten Staaten, das jeweilige Engagement der Künstler und ihren individuellen Stil legt. Denn im Grunde erzählen die Exponate nicht weniger als eine kleine Geschichte der amerikanischen Plakatkunst, die mit der Pop-Art überhaupt erst richtig begann – anders als in Europa, wo Toulouse-Lautrec, die Brücke-Künstler oder die russischen Konstruktivisten das Plakat schon Jahrzehnte zuvor als Medium für künstlerische Experimente und die Artikulation politischer Anliegen entdeckt hatten.

          Zu den Schlüsselwerken der Ausstellung gehören denn auch weniger die dekorativen Ausstellungsplakate als die im engeren Sinne angewandten Grafiken, wie sie Andy Warhol, Robert Rauschenberg oder Roy Lichtenstein für das New York Film Festival gestalteten. Johns’ Plakat für Merce Cunningham gehört ebenfalls in diese Reihe, dasselbe gilt für die Plakate, die neben den genannten Künstlern James Rosenquist, Allan D’Arcangelo, Jim Dine oder Claes Oldenburg für die bis heute existierende Kulturzeitschrift „Paris Review“ entwarfen. Hier, in der direkten Gegenüberstellung, zeigen sich der individuelle Stil der Künstler und die Wertschätzung, die Johns, Indiana oder Larry Rivers dem Plakat entgegenbrachten, beinahe noch deutlicher als in den ihnen jeweils vorbehaltenen Räumen.

          Wunsch nach den „Originalen“ scheint hier beinahe absurd

          Rivers setzte das Medium mit „America needs McGovern“ im Präsidentschaftswahlkampf von 1972 schon früh für politische Ziele ein, Warhol ließ dagegen bevorzugt Suppendosen auf Tüten drucken und schoss somit die Kunst gleichsam in den Konsumkreislauf zurück. Während Indiana sein „Love“ erst unlängst für Obamas Wahlkampagne als „Hope“ reinkarnierte, ist es ausgerechnet der künstlerisch längst bis an den Rand der Abgeschmacktheit reproduzierte Keith Haring, der das Plakat explizit politisch versteht.

          Unter rein künstlerischen Gesichtspunkten betrachtet, ist es indes Robert Rauschenberg, der den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt. Keiner der in den Opelvillen gezeigten Künstler nahm das Plakat so ernst wie er, keiner nutzte die Möglichkeiten der Druckgrafik so exzessiv und konsequent. Meist ist es gefundenes Material, sind es Fotos, Zeitungsausschnitte oder Reste von Stadtplänen und Landkarten, die Rauschenberg übermalt, zu Collagen verdichtet, in diversen Druckstufen übereinanderlegt und damit zu eigenständigen Bildlösungen formt. Der Wunsch nach den „Originalen“, hier scheint er denn auch beinahe absurd. Und bleibt konsequenterweise aus.

          Die Ausstellung ist in den Rüsselsheimer Opelvillen, Ludwig-Dörfler-Allee 9, bis 28. November mittwochs von 10 bis 21 Uhr und donnerstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

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