https://www.faz.net/-gzg-t3mi

Oper : Provinzialität und Weltklasse

  • -Aktualisiert am

Die Frankfurter „Agrippina“-Inszenierung von David McVicar bleibt unter der Leitung von Felice Venanzoni deutlich hinter den Erwartungen zurück.

          2 Min.

          Die Frankfurter „Agrippina“-Inszenierung von David McVicar hatte unmittelbar vor der Sommerpause Premiere. Der aktuellen Saisoneröffnung mit dieser Oper von Georg Friedrich Händel eignet so weniger der Charakter einer Wiederaufnahme denn einer Fortsetzung. Unverändert bleibt das Bühnenpersonal, da die als Nerone vorgesehene Kristina Hammerström erkrankt ist und vom Premieren-Original Malena Ernman vertreten wird.

          Routine hat sich beim - im Besetzungszettel nicht aufgeführten - Frankfurter Museumsorchester über den Sommer nicht eingestellt. Unter der Leitung von Felice Venanzoni bleibt die Leistung deutlich hinter den Erwartungen zurück. Dem Orchestergraben entströmt rechtschaffene Barockmusik, den Sängern allzuoft bloß dicht auf den Versen, hilflos hintendran beim ironisch-heiteren Spiel mit barocken Verzierungen und Melismen.

          Jetztzeitigkeit prallt auf das Barockwerk

          Nicht zuletzt das Liebesduett von Poppea und Ottone, intimer Gegenpol im bunten Treiben, hat hierunter zu leiden. Schwer vorstellbar, daß man sich in den umliegenden kleineren Staatstheatern derartige Konzentrationsschwächen leisten könnte. Diese partielle Provinzialität trifft in durchaus erhellender Weise auf eine Weltklasse-Inszenierung mit teilweise überragenden Darstellern. Anstatt platt zu aktualisieren, läßt McVicar in Weiterentwicklung seines Brüsseler Konzepts kompakt etablierte Jetztzeitigkeit auf ein Barockwerk prallen, dessen Eigenwert selbst in Momenten aberwitziger Exaltation wundersam unangetastet bleibt.

          Anna Ryberg als Poppea und Simon Bailey als Claudio singen sinnlich, wenn auch nicht durchweg ganz rein. Da zieht Juanita Lascarro in der Titelrolle ganz andere Saiten auf. Mit souveräner Professionalität instrumentalisiert sie alle erreichbaren Männer, modifiziert dabei ihre Strategie von Phall zu Phall mit stupender Flexibilität. Lascarros Sopran paßt sich jeder Situation biegsam an, strahlt voluminös und klar, weiß mit raffiniert verschattetem Vibrato aber auch eine Nähe zu suggerieren, die sich dann umgehend als Chimäre erweist.

          Ungeachtet später Einsicht kann sich das amüsant rivalisierende Duo Pallante (Soon-Won Kang) und Narciso (Christopher Robson) nicht aus dem Netz der machtbesessenen Verführerin befreien. Eine stimmlich überragende Leistung bietet der von der Brüsseler Produktion übernommene Lawrence Zazzo. Sein Countertenor sichert der naiven Aufrichtigkeit des Ottone eine Authentizität, die im allgemeinen Falschspiel der Gefühle einen unentbehrlichen Kontrapunkt bildet. Alles überragend ist schließlich der Auftritt der Sopranistin Malena Ernman. Mit kaum faßbarer Körperbeherrschung und Bühnenpräsenz, Humor, blitzender Intelligenz und außerordentlicher stimmlicher Begabung vollführt sie auf dem zwischen Barock und Moderne aufgespannten Hochseil einen entfesselten Tanz, in dem die Inszenierung ihre Vollendung findet.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Espresso mit „Scontrino“, bitte: Egal, wie klein die Bestellung war – in Italien gab es einen Beleg. Diese Regelung zum Jahresbeginn auch in Deutschland in Kraft getreten.

          Steuerhinterziehung in Italien : Ihr Café ist beschlagnahmt!

          Bereits seit 1987 gilt in Italien die Bonpflicht – gegen Steuerhinterziehung konnte sie aber wenig ausrichten. Deshalb probiert es die Regierung nun mit drakonischen Neuerungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.