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Absage an Kulturschaffende : Kommt jetzt auch der geistige Notstand?

Schlag ins Gesicht: Es werden die Orte geschlossen, die für Offenheit statt Filterblase und Diskurs statt Politiküberdruss stehen. (Symbolbild) Bild: dpa

Seit die Corona-Pandemie uns im Griff hat, wird jede Handlung zum Zeichen. Künstler und Kulturschaffende lesen sie – verletzt und fassungslos. Denn sie signalisieren: Euer Einsatz wird nicht gebraucht.

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          Lichterketten, Einkaufsboykotte und Sprüche-T-Shirts setzen Zeichen. Mit der Absage von Parteitagen setzt die Politik ein Zeichen. Die CDU sogar ein großes, da kommt auch Schwung auf im Scharmützel. Die ganze Welt besteht aus Zeichen, die gelesen werden müssen. Erst recht, seit die Pandemie uns im Griff hat. Jede Handlung wird zum Zeichen, jede Entscheidung weist gleichzeitig über sich hinaus und ist ein Zeichen, das „bewusst gesetzt“ wird. Wie eben jetzt der Teil-Lockdown.

          Dass mit allem, was schließen muss, gerade die Orte geschlossen werden, an denen niemand sich bislang infiziert hat, die für Offenheit statt Filterblase und Diskurs statt Politiküberdruss stehen, verstehen viele Künstler und Veranstalter als Schlag ins Gesicht. Denn der Lockdown von Kunst ist kein Zeichen, wie es nun hieß, sondern real. Und die Künstler, ansonsten die Fachleute für das offene, interpretierbare Zeichen, sehen sich mit der Realität konfrontiert, weder Zeichen zeigen zu dürfen noch Arbeit für all diejenigen zu schaffen, die hinter den Kulissen am Kunstbetrieb hängen.

          Die Schlagworte von Umberto Ecos Theorie des ästhetischen Zeichens konnte man früher im Proseminar Literaturtheorie herbeten. Hätte man je gedacht, dass sie so viele Anhänger gerade in der Politik gefunden haben? Überbestimmtheit oder Unbestimmtheit des Zeichens, Abweichung von der Norm und eigene Codes, die man sich erschließen muss – in der Pandemie erscheinen die politischen Handlungen gerade der Kunst so offen und unbestimmt wie sonst nur das Kunstwerk.


          Die Künstler und Kulturschaffenden hingegen, die genau wie alle anderen mit längst nicht mehr gezählten und gereinigten Einkaufswagen, mit maskenlosen Verschwörungstheoretikern und religiösen Gruppen, die das Singen nicht lassen können, leben, lesen diese Zeichen, verletzt und fassungslos. Sie verstehen sie so: Eure Umsicht in Theatern, Kinos, Lesesälen interessiert nicht. Euer Einsatz wird nicht gebraucht. Die Debatten, die ihr führen wollt, sind überflüssig. Viel ist von der Müdigkeit die Rede, die Relevanz der Kultur zu verteidigen. Hoffentlich folgt dem Gesundheitsnotstand nicht ein geistiger Notstand.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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