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Eine andere Art Musik zu hören : Erst die Stille, dann die Klänge

Nicht auf das Ergebnis kommt es an, sondern auf den Vorgang: Marina Abramović lässt die Teilnehmer ihrer Workshops kleinteilige Objekte zählen. Bild: © Alte Oper Frankfurt?Norbert Miguletz

Die Abramović-Methode für Musik vermittelt bald in der Alten Oper eine neue Perspektive auf das Konzertgeschehen. Es geht dabei nicht darum, was gehört wird, sondern wie gehört wird.

          Zweimal Methode, einmal Konzert. Diese Veranstaltung gibt es nur im Dreierpack. Worauf sich die Teilnehmer einlassen, wissen sie nicht so ganz genau, aber der Schleier des Geheimnisses, der über dem Projekt liegt, macht es nur noch interessanter. Und nach den beglückenden Hör- und Raumerlebnissen von „One Day in Life“, die der Architekt Daniel Libeskind 2016 gemeinsam mit der Alten Oper den von einem Aufführungsort zum anderen wandelnden Besuchern beschert hat, ist die Neugier groß auf „Anders hören. Die Abramović-Methode für Musik“.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Wieder hat Stephan Pauly, der Intendant des Frankfurter Konzerthauses, jemanden eingeladen, dessen Arbeit im Kern nichts mit Musik zu tun hat. Aber viel mit der Suche nach einer authentischen Kunsterfahrung. Marina Abramović lieferte mit ihren Performances und Aktionen einen entscheidenden Beitrag zur Avantgarde, ihr Werk ist so konzeptionell wie körperbezogen, nichts bleibt nur Idee, alles wird physisch umgesetzt, und die Künstlerin ging oft an die eigenen Grenzen oder darüber hinaus, um bei den Beobachtern starke Empfindungen auszulösen oder aber ihre Wahrnehmung nachhaltig zu schärfen.

          Bei „Anders hören“ in der Alten Oper geht es vom 20. bis zum 24. März in den Workshops und bei dem fünf Stunden währenden Abschlusskonzert vor allem darum, eine Fähigkeit wiederzuerlangen, die in der Hektik der Tage häufig verlorengeht: sich konzentrieren zu können. „Das ganze Projekt“, sagt Alte-Oper-Chef Pauly, „ist dafür da, um eine ungewöhnliche Musikerfahrung zu ermöglichen.“ Für Marina Abramović sei es wichtig, nicht zu sagen, was die Leute erwarte. Das Musikprogramm werde nicht bekanntgegeben, unklar bleibt, wie viele Musiker beteiligt sind. „Wir verraten auch nicht, wie der Raum aussehen wird, weil man möglichst unvoreingenommen und offen da reingehen soll“, sagt Pauly.

          Marina Abramović

          „Es geht ja nicht darum, schnell ein Ergebnis zu haben“

          Nicht einmal während des Konzerts werden die Stücke genannt, es kann zwar sein, dass dieses oder jenes Werk erkannt wird, aber darauf kommt es nach Paulys Worten nicht an. Es geht um das Wie. Nicht was ich höre, sondern wie ich Musik höre, ist die Frage. Die Analogie zum Besuch in einem Museum stellt sich ein. Viele schauen zuerst auf die Schilder und dann erst auf die Werke. „Die Workshops werden in vollkommener Stille stattfinden“, sagt Pauly. Sie seien dafür da, um „ruhig zu werden, runterzufahren, sich zu fokussieren, sich einzulassen auf sich selbst“. Da dies für alle Teilnehmer gelte, führe das aber auch zu einem starken Gemeinschaftserlebnis. Um dies alles möglich zu machen, hat Marina Abramović Übungen entwickelt. Einige sind aus Veranstaltungen ähnlicher Art, bei denen es allerdings nicht um Musik ging, bekannt. Andere nicht.

          Da wäre zum Beispiel: Reiskörner zählen. „Mit dem Ziel“, erläutert Pauly, „den Vorgang des Zählens selbst zu erleben. Es geht ja nicht darum, schnell ein Ergebnis zu haben, sondern um den körperlichen und geistigen Vorgang.“ Durch die öffentlichen Aktionen der Künstlerin hat eine andere Übung auch in kunstfernen Kreisen für Aufmerksamkeit gesorgt: Zwei Menschen sitzen sich auf Stühlen gegenüber und schauen sich in die Augen. Es kann sich um Freunde handeln, die gemeinsam zum Workshop gehen, oder um völlig Fremde.

          „Das sind zwei Beispiele, wo alle Teilnehmer eingeladen sind, aus ihrer Komfortzone herauszukommen. Einem Fremden zwei Stunden in die Augen zu sehen ist eine extreme Erfahrung“, sagt Pauly. „Und durch diese Erfahrung mit sich selbst, so ist die Idee, wird die Wahrnehmung sensibler, um beim Abschlusskonzert dann Musik hoffentlich anders, wacher, empfänglicher zu hören, als man sie sonst hört.“ Wichtig ist ihm auch: Es ist eine Einladung. Nichts sei dem Projekt fremder, als jemanden erziehen zu wollen.

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