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50 Jahre Kommunales Kino : Der Hort der Filmkultur

Der Regisseur und der Dezernent: Federico Fellini (vorn) und Hilmar Hoffmann Bild: DIF

Hilmar Hoffmanns Traum und Vorbild für einen ganzen Kulturzweig: Das Kommunale Kino Frankfurt ist vor 50 Jahren eröffnet worden. Der Gründungsboom nach dem „Frankfurter Urteil“ hatte 150 Kommunale Kinos zur Folge.

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          Wenn im Kino jemand ins Kino geht, dann in einen Film, den alle kennen. Die Leute im Film schauen „High Noon“ oder irgendwas von Fellini, sie reden über Godard oder Mafiafilme, das hängt wiederum vom Genre des Films ab. In den Einstellungen sieht man sie in ganz normalen Kinos, die Protagonisten stehen vor Neonwerbung, essen Popcorn. Nur: In den normalen Kinos sind die Filme, die Helden in Filmen sehen, nie zu sehen. Oder fast nie.

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          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Um Godard, Fellini, Pasolini, Billy Wilder oder Fritz Lang anzuschauen, die Filmgeschichte zu studieren oder Spezialinteressen zu befriedigen, muss man in ein sogenanntes nicht gewerbliches Kino gehen. Heute gibt es eine hehre Menge davon, auch in Hessen, vom K in Eschborn über das Filmforum Höchst und das Caligari Wiesbaden bis zum Kommunalen Kino Weiterstadt. Die Mutter der hessischen Kommunalen Kinos kann nun auf ein halbes Jahrhundert zurückblicken: Das Kommunale Kino Frankfurt, heute das Kino im Deutschen Filminstitut und Filmmuseum (DFF), ist am 3. Dezember 1971 eröffnet worden.

          Die Party muss diesmal wegen Corona zwar ausfallen, und auch der Bundesverband der Kommunalen Kinos, der zum Jubiläum hätte tagen sollen, hat seinen Kongress samt Filmreihe bis auf einen Abend abgesagt. Aber ein Jubiläumsfilmprogramm, das am 3. Dezember im DFF beginnt, wird dort in den nächsten Monaten die roten Fäden aufgreifen, die in fünf Jahrzehnten ausgerollt worden sind. Damit knüpft es auch an die Strategie an, mit der damals zunächst im Theater am Turm, dann von 1972 an im Historischen Museum, das erste Programm des Kommunalen Kinos Frankfurt präsentiert worden ist: Mit dem für die Jüngeren unbekannten Werk von Buster Keaton (1895 –1966) in einer Retrospektive nahm es seine Arbeit auf und fräste sich dann durch den verschütteten Teil der Kinogeschichte, der in kommerziellen Kinos so gut wie nie zu sehen war: Luis Buñuels frühe Filme, Luchino Viscontis „Ossessione“, Charles Chaplins „The Kid“.

          Den Film als Kunstform in das Bewusstsein zu bringen war das erklärte Ziel. Man wollte Filme in Zusammenhängen zeigen, die historisch, thematisch oder stilistisch sein konnten, das Werk eines Regisseurs präsentierten oder zu aktuellen Diskussionen beitrugen. Später wurde das Kommunale Kino ein Hort des Neuen Deutschen Films. Vor 20 Jahren hat Hilmar Hoffmann (1925 –2018), von 1970 bis 1990 Kulturdezernent der Stadt, das in der F.A.Z. so begründet: „Es ging darum, für den jungen deutschen Film Abspielstätten zu schaffen. Die kommerziellen Kinos weigerten sich ja. Wir brauchten mindestens 100 kommunale Kinos, weil für die Verleiher ein Film erst dann interessant war, wenn er wenigstens mit 100 Kopien in die Theater kam.“ So weit auseinander liegen die gewerblichen und die nicht gewerblichen Kinos also gar nicht – Kalkulation gehört dazu.

          Gründungsboom nach „Frankfurter Urteil“

          Auch wenn das 1971 ganz anders gesehen worden ist. Die Kinobetreiber weit über die Stadt hinaus waren überhaupt nicht erfreut. Sogar eine Klage von fünf Frankfurter Kinobesitzern hat es gegen das „Gemeindekino“ gegeben. Das hat dem Frankfurter Kommunalen Kino eine Besonderheit beschert, denn das erste, wie oft behauptet wird, war es nach dem Krieg nicht. Essen, Duisburg, Mannheim etwa waren schneller. Aber die Klage der Kinobetreiber wegen unlauterer Konkurrenz führte 1972 zu einem „Frankfurter Urteil“, das einen Gründungsboom der später 150 Kommunalen Kinos in Deutschland zur Folge hatte.

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