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30 Jahre „Titanic“ : Der Führer privat

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Schön, wahr, gut: „Titanic” Bild:

Es ist ein rares Vergnügen, sich in die Ausstellung „Titanic“ - das Erstbeste aus 30 Jahren“ im Frankfurter Caricatura Museum für Komische Kunst zu vertiefen, die am Samstag eröffnet worden ist. Wer hier nicht wenigstens ab und zu lacht, gehört zu den zuverlässig humorfreien Mitbürgern.

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          Eine Umweltprämie für Neubücher erhält, wer ein Altbuch der Altpapierverwertung zugeführt hat. So steht es auf einem amtlichen Formular, das von der Zeitschrift "Titanic" verbreitet wird. Nicht erlaubt sei es jedoch, als Prämie ein Neubuch der "Schadensklasse 1-3" anzuschaffen: "Darunter fallen Neubücher des Typs Paulo Coelho, Guido Knopp, Charlotte Roche, Dale Carnegie, Stephenie Meyer oder Martin Walser." Ein rares Vergnügen ist es, sich in die Ausstellung "Titanic - Das Erstbeste aus 30 Jahren" im Frankfurter Caricatura Museum für Komische Kunst zu vertiefen, die am Samstag um 18 Uhr eröffnet wird. Die Titelbilder, Cartoons, Artikel und Filme sowie die kompletten, digitalisierten Titanic-Ausgaben bieten einen einfachen Mentalitätstest: Wer hier nicht wenigstens ab und zu lacht oder mehr als dreimal "Wie geschmacklos!" oder Ähnliches murmelt, gehört mit Sicherheit zu den zuverlässig humorfreien Mitbürgern.

          Bei mehr als 35 Heften kam es zu Verboten und Schadenserstzprozessen

          Zugegeben, manche guten bis schrägen Witze sind schon reichlich grenzwertig, und in den bisher 30 Jahren des "endgültigen Satiremagazins" kam es bei mehr als 35 Heften wegen ihrer als anstößig empfundenen Titelseiten zu Verboten und Schadensersatzprozessen. So fühlte sich Kurt Beck sehr gekränkt, als er sein durchaus gelungenes Porträt sah und darunter die Zeilen "Problembär außer Rand und Band: Knallt die Bestie ab" las - gemeint war aber nicht der graubärtige rheinlandpfälzische Staatsmann, sondern Bruno, der echte Bär. Berühmt wurden Hans Traxlers geniale Zeichnungen Helmut Kohls als Birne, die in den achtziger Jahren entstanden und heute zum kollektiven Gedächtnis der Nation gehören. 50 Kohl-Titel sind in der Ausstellung als Collage zu sehen, bissige, gemeine, auch ein paar harmlose, doch beschwert hat sich Kohl nie: Souveränes oder politisch kluges Verhalten?

          Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic”, Leo Fischer, kann ein Jubiläum feiern

          Traxler, Robert Gernhardt, Peter Knorr, Chlodwig Poth und Friedrich Karl Waechter waren die Gründer der "Titanic" als Leitmedium der Neuen Frankfurter Schule und Forum der kritisch-komischen Intelligenz, das seit jeher offen für zahlreiche Mitarbeiter ist. So erfreut ein frühes Gemälde von Achim Greser, noch als Solist, aus der Serie "Der Führer privat": Hitler sitzt im Gebirge vor der Staffelei und malt, Eva Braun schaut ihm über die Schulter: "Ich finde es ein bisschen entartet, Schatz". Sehr schön auch Robert Gernhardts Apotheker-Cartoon: "Haben Sie was gegen Kopfschmerzen?" - "Nein, ich lebe doch davon": eine sehr empfehlenswerte Schau also, die an trüben Wintertagen viele Stunden bester Unterhaltung bietet.

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