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20 Jahre „Tigerpalast“ : Luftnummern und Zirkuskunststücke

  • -Aktualisiert am

Kunststücke im „Tigerpalast” Bild: Wonge Bergmann

Im Oktober 1988 haben die wenigsten geglaubt, dass dem neuen Varieté im Hinterhof ein langes Leben beschieden sei. Doch den „Tigerpalast“ gibt es noch immer. Hinter dem Erfolg stehen - neben Johnny Klinke - Margareta Dillinger und Robert Mangold.

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          Sarrasani-Direktor Fritz Mey ist damals in den „Tigerpalast“ gekommen und hat verlauten lassen: „Das kann nicht funktionieren.“ Roncalli-Chef Bernhard Paul kam zu einem ähnlichen Ergebnis: „Das rentiert sich nicht.“ 180 Varieté-Plätze und teure Artisten – das konnte in der Tat nicht gutgehen. Häuser dieser Art, so der Erfahrungswert, brauchen 350 bis 600 Plätze, um rentabel zu arbeiten. Im „Tigerpalast“ ist das Problem dadurch gelöst worden, dass die Zahl der Plätze verdoppelt wurde – durch zwei Shows am Abend. Aus 180 wurden 360 und mittlerweile durch einen geschickten Umbau des früheren Heilsarmee-Saales sogar 380 Plätze. 2007 verkaufte das Theater 81.417 Tickets.

          Dennoch: Allein aus dem Verkauf von Eintrittskarten könnte es sich nicht finanzieren. Die wahre Stütze des „Tigerpalastes“ ist die Gastronomie, sprich das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Tiger-Restaurant und das Palast-Bistro. Aufgebaut hat sie Robert Mangold, gelernter Koch und Hotelier, der als eine Art Chefökonom seit 20 Jahren dafür sorgt, dass die Balance zwischen Kunst und Kommerz gewahrt bleibt. Dies ist gewiss so schwierig wie das Jonglieren mit sieben Bällen.

          Der „Tigerpalast“ ist langsam gewachsen

          Die Legende geht, der damalige AEG-Chef Heinz Dürr habe dem Varieté-Gründer Johnny Klinke auf einem Bierdeckel vorgerechnet, dass sich das Haus nicht tragen könnte. Das mag so gewesen sein oder auch ein bisschen anders. Auf jeden Fall hat Dürr den „Tigerpalast“ ermutigt, Sponsoren zu suchen. Die AEG ist ein solcher gewesen, fünf Jahre hat der Konzern das Etablissement an der Heiligkreuzgasse unterstützt. Einen solchen Unterstützer hat der „Tigerpalast“ nie wieder gefunden, dafür mehrere Sponsoren für kleinere Beträge: derzeit die Lufthansa, Audi, Hassia und Luisen-Brunnen, die Licher Brauerei, die Mainova, die Helaba und die Frankfurter Sparkasse. Demnächst auch die Messe.

          Robert Mangold, Margareta Dillinger und Johnny Klinke (von links) im Jahre 2003 zum fünfzehnjährigen Bestehen des „Tigerpalastes”
          Robert Mangold, Margareta Dillinger und Johnny Klinke (von links) im Jahre 2003 zum fünfzehnjährigen Bestehen des „Tigerpalastes” : Bild: Wonge Bergmann

          Staatliche Unterstützung hat das Haus nie angestrebt, es zählt zu den wenigen Theatern in Deutschland ohne Subvention. Das Geschäftsmodell beruht darauf, dass der „Tigerpalast“ höchste Qualität anbietet: auf der Bühne, bei den Speisen und Getränken, bei der Bedienung. Dementsprechend viel muss der Gast zahlen. Mangold hält das für gerechtfertigt: „Höchstleistung zu Billigpreisen geht nicht.“ Immerhin stehen 100 Mitarbeiter, darunter 20 Künstler, auf der Lohnliste des „Tigerpalastes“. Sie haben ordentliche Arbeitsverträge mit allem Drum und Dran.

          Der „Tigerpalast“ ist langsam gewachsen, Schritt für Schritt hat Mangold das gastronomische Angebot ausgebaut. Das Unternehmen ruht auf solidem Grund, ist aber keineswegs eine Goldgrube: „Wir schwimmen nicht im Geld“, sagt Mangold, der sehr wohl weiß, dass viele das glauben. Wollten er und seine Mitstreiter Johnny Klinke und Margareta Dillinger das Haus verkaufen, sie müssten nicht lange nach einem Käufer suchen. Jedes Jahr flattern mindestens zwei Übernahmeangebote in den Briefkasten. Ernsthaft beschäftigt haben sich die „Tiger“ nie mit ihnen: „Zum Aufhören sind wir noch ein wenig zu jung“, sagt Mangold.

          Mehrmals hat der „Tigerpalast“ mit den Zeitläuften zu kämpfen gehabt, das Haus bekommt die weltpolitischen Schwankungen zu spüren. 1991, beim ersten Irak-Krieg, durften die Mitarbeiter amerikanischer Banken und befreundeter Institute aus Solidarität mit den Soldaten nicht feiern. Der „Tigerpalast“ hat das sofort beim Ticketverkauf gemerkt. Nach Einführung des „Soli“ gab es eine Delle, ebenfalls nach Einführung des Euro, als die Leute plötzlich für eine Pizza das Doppelte zahlen mussten. Die Anschläge vom 11. September 2001 haben zu einer Welle von Stornierungen geführt, jetzt dämpft seit April die Bankenkrise das Geschäft.

          Mangold hat jedes Mal eine Antwort auf die Krise gefunden. Eine Erfolgsstrategie war das Schnüren von Paketen: Fünf-Sterne-Hotel, „Tigerpalast“, Stadtrundfahrt, Schifffahrt und RMV-Ticket für weniger als 100 Euro bietet er demnächst an. Der größte Feind des „Tigerpalastes“ ist das riesige Angebot im Ballungsraum Rhein-Main. Der moderne Großstadtmensch ist nicht mehr festgelegt: Heute geht er in die Oper, morgen zur Eintracht, am Wochenende in den Rheingau essen. Jeder konkurriert mit jedem, alle konkurrieren sie um das begrenzte Zeitbudget der Metropolenbewohner. Der Vorteil des „Tigerpalastes“ liegt darin, dass er einen Namen hat. Doch das Image allein füllt die Plätze nicht. Mit geschicktem und kontinuierlichem Marketing löst Mangold die Sisyphusaufgabe, immer wieder auch an Werktagen den „Tigerpalast“ zu füllen.

          Ruf der Arroganz

          Es muss mich berühren.“ In diesem einen Satz hat Margareta Dillinger das Erfolgsgeheimnis des „Tigerpalasts“ zusammengefasst. Die Varieté-Direktorin, verantwortlich für die Künstler und das Programm, lässt nur Artisten auf ihre Bühne, die sie selbst sehen möchte. Da mag einer noch so berühmt sein und für seine Nummer noch so viel Beifall bekommen: Wenn er mit seiner Kunst die Chefin nicht bewegt, nimmt sie ihn nicht unter Vertrag. Das hat ihr in Artistenkreisen zuweilen den Ruf der Arroganz eingebracht. Aber die „Tigerpalast“-Direktorin ist keineswegs hochmütig. Kaum jemand in der Branche kümmert sich so rührend um seine Künstler wie Margareta, wie sie von allen Mitarbeitern genannt wird. Dillinger ist lediglich streng in ihren Maßstäben, bei der Qualität macht sie keine oder zumindest nur ganz selten Kompromisse.

          Der Erfolg spricht für sie. In 20 Jahren „Tigerpalast“ gab es noch kein einziges miserables Programm. Natürlich hat nicht jedes dieselbe Klasse wie der Jubiläumsjahrgang, für den fast alle Stars, die den „Tigerpalast“ groß gemacht haben, noch einmal zurückgekehrt sind oder im Frühjahrsprogramm zurückkommen werden. Doch in jeder Saison hat mindestens ein Weltstar des Varietés geglänzt, und die anderen Künstler waren durchweg immer große Könner.

          Die Artisten, die sonst in Las Vegas, Paris oder Mailand auftreten, suchen das Engagement im „Tigerpalast“. Vor allem die Nähe zum Publikum, die Intimität des Raumes und nicht zuletzt der freundschaftlich-familiäre Umgang dort ziehen sie an. Die besondere Atmosphäre im „Tigerpalast“ ist das Werk Margareta Dillingers, sie ist für die Jongleure, Seiltänzer oder Zauberer eine anerkannte Autorität und gleichzeitig eine Freundin, für die Jüngeren zuweilen sogar eine Ersatzmutter. Umgekehrt bilden die Künstler für Dillinger ihre neue Familie. Sie, die einer saarländischen Großfamilie entstammt, wollte als erwachsene Frau wiederum eine Großfamilie, eine internationale allerdings. „So will ich leben“, sagt sie.

          Erfolge sind ihr nicht in den Schoß gefallen

          Als Margareta Dillinger vor 20 Jahren mit Johnny Klinke den „Tigerpalast“ gründete, hatte sie von Varieté und Artistik keine Ahnung. Keine praktische jedenfalls, allenfalls ein in Büchern zusammengelesenes theoretisches Wissen. Was sie nach ein paar Monaten Artistenschule in Berlin sicher wusste, war dies eine - dass sie nicht zur Artistin taugte. Dass sie das Zeug zur Varieté-Direktorin hatte, hat sie während der Arbeit gelernt. Die Erfolge sind ihr nicht in den Schoß gefallen, die Freundschaften mit Künstlern nicht zugeflogen, Dillinger hat sich dies alles erarbeiten müssen, an Hunderten Abenden in ihrem Varieté, auf unzähligen Besuchen von Festivals, Shows und Zirkusvorführungen in aller Welt und natürlich bei den Proben, die das tägliche Schwarzbrot des Showbusiness sind.

          Nur in Ausnahmefällen hat sich Dillinger Künstler vermitteln lassen, in der Regel engagiert sie nur, wen sie mit eigenen Augen auf der Bühne gesehen hat. Sie hat junge Talente gefördert und vergessene Altmeister wiederentdeckt. Francis Brunn etwa, den Jahrhundertjongleur, hat sie in einer miesen Nacktbar in Mailand aufgesucht und ihn für Frankfurt gewonnen. Brunn hat dem „Tigerpalast“ in den folgenden Jahren die Türen zu den Las-Vegas-Größen und New-York-Stars geöffnet.

          Oleg Izossimov, der Handstandkönig, war dagegen ein unbekannter junger Mann, als er vor vielen Jahren im „Tigerpalast“ seine Weltkarriere begann. Dillinger hat mit sicherem Auge sein Potential erkannt. Heute blickt eine ganze Generation von jungen Artisten bewundernd zu dem Russen auf und eifert ihm nach. Der hat indes nicht vergessen, wo er angefangen hat: Immer wieder kehrt er in den „Tigerpalast“ zu seiner Freundin Margareta zurück.

          Zu gutem Varieté gehöre nicht viel, sagt Dillinger: gute Artisten, eine gute Programm-Balance, gutes Licht, gute Musik. Das sagt sich leicht, ist aber schwer zusammenzufügen. Die Direktorin feilt denn auch unentwegt an der idealen Form für ihr Programm, bosselt mit den Artisten an Kleinigkeiten, die der Zuschauer gar nicht wahrnimmt, die aber den Gesamteindruck mitbestimmen. Erst diese Arbeit im Verborgenen hat den „Tigerpalast“ zum Varieté Nummer eins in Deutschland oder vielleicht sogar in Europa gemacht.

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