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20 Jahre „Tigerpalast“ : Luftnummern und Zirkuskunststücke

  • -Aktualisiert am

Ruf der Arroganz

Es muss mich berühren.“ In diesem einen Satz hat Margareta Dillinger das Erfolgsgeheimnis des „Tigerpalasts“ zusammengefasst. Die Varieté-Direktorin, verantwortlich für die Künstler und das Programm, lässt nur Artisten auf ihre Bühne, die sie selbst sehen möchte. Da mag einer noch so berühmt sein und für seine Nummer noch so viel Beifall bekommen: Wenn er mit seiner Kunst die Chefin nicht bewegt, nimmt sie ihn nicht unter Vertrag. Das hat ihr in Artistenkreisen zuweilen den Ruf der Arroganz eingebracht. Aber die „Tigerpalast“-Direktorin ist keineswegs hochmütig. Kaum jemand in der Branche kümmert sich so rührend um seine Künstler wie Margareta, wie sie von allen Mitarbeitern genannt wird. Dillinger ist lediglich streng in ihren Maßstäben, bei der Qualität macht sie keine oder zumindest nur ganz selten Kompromisse.

Der Erfolg spricht für sie. In 20 Jahren „Tigerpalast“ gab es noch kein einziges miserables Programm. Natürlich hat nicht jedes dieselbe Klasse wie der Jubiläumsjahrgang, für den fast alle Stars, die den „Tigerpalast“ groß gemacht haben, noch einmal zurückgekehrt sind oder im Frühjahrsprogramm zurückkommen werden. Doch in jeder Saison hat mindestens ein Weltstar des Varietés geglänzt, und die anderen Künstler waren durchweg immer große Könner.

Die Artisten, die sonst in Las Vegas, Paris oder Mailand auftreten, suchen das Engagement im „Tigerpalast“. Vor allem die Nähe zum Publikum, die Intimität des Raumes und nicht zuletzt der freundschaftlich-familiäre Umgang dort ziehen sie an. Die besondere Atmosphäre im „Tigerpalast“ ist das Werk Margareta Dillingers, sie ist für die Jongleure, Seiltänzer oder Zauberer eine anerkannte Autorität und gleichzeitig eine Freundin, für die Jüngeren zuweilen sogar eine Ersatzmutter. Umgekehrt bilden die Künstler für Dillinger ihre neue Familie. Sie, die einer saarländischen Großfamilie entstammt, wollte als erwachsene Frau wiederum eine Großfamilie, eine internationale allerdings. „So will ich leben“, sagt sie.

Erfolge sind ihr nicht in den Schoß gefallen

Als Margareta Dillinger vor 20 Jahren mit Johnny Klinke den „Tigerpalast“ gründete, hatte sie von Varieté und Artistik keine Ahnung. Keine praktische jedenfalls, allenfalls ein in Büchern zusammengelesenes theoretisches Wissen. Was sie nach ein paar Monaten Artistenschule in Berlin sicher wusste, war dies eine - dass sie nicht zur Artistin taugte. Dass sie das Zeug zur Varieté-Direktorin hatte, hat sie während der Arbeit gelernt. Die Erfolge sind ihr nicht in den Schoß gefallen, die Freundschaften mit Künstlern nicht zugeflogen, Dillinger hat sich dies alles erarbeiten müssen, an Hunderten Abenden in ihrem Varieté, auf unzähligen Besuchen von Festivals, Shows und Zirkusvorführungen in aller Welt und natürlich bei den Proben, die das tägliche Schwarzbrot des Showbusiness sind.

Nur in Ausnahmefällen hat sich Dillinger Künstler vermitteln lassen, in der Regel engagiert sie nur, wen sie mit eigenen Augen auf der Bühne gesehen hat. Sie hat junge Talente gefördert und vergessene Altmeister wiederentdeckt. Francis Brunn etwa, den Jahrhundertjongleur, hat sie in einer miesen Nacktbar in Mailand aufgesucht und ihn für Frankfurt gewonnen. Brunn hat dem „Tigerpalast“ in den folgenden Jahren die Türen zu den Las-Vegas-Größen und New-York-Stars geöffnet.

Oleg Izossimov, der Handstandkönig, war dagegen ein unbekannter junger Mann, als er vor vielen Jahren im „Tigerpalast“ seine Weltkarriere begann. Dillinger hat mit sicherem Auge sein Potential erkannt. Heute blickt eine ganze Generation von jungen Artisten bewundernd zu dem Russen auf und eifert ihm nach. Der hat indes nicht vergessen, wo er angefangen hat: Immer wieder kehrt er in den „Tigerpalast“ zu seiner Freundin Margareta zurück.

Zu gutem Varieté gehöre nicht viel, sagt Dillinger: gute Artisten, eine gute Programm-Balance, gutes Licht, gute Musik. Das sagt sich leicht, ist aber schwer zusammenzufügen. Die Direktorin feilt denn auch unentwegt an der idealen Form für ihr Programm, bosselt mit den Artisten an Kleinigkeiten, die der Zuschauer gar nicht wahrnimmt, die aber den Gesamteindruck mitbestimmen. Erst diese Arbeit im Verborgenen hat den „Tigerpalast“ zum Varieté Nummer eins in Deutschland oder vielleicht sogar in Europa gemacht.

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