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Ausstellung zur Bauhaus-Zeit : Kunst im Aufbruch, gebrochenes Leben

Studentenwerk: Elsa Thiemann, „Sicherungen“ (1930-31) Bild: Kleinschmidt Fine Photography

Ein herrlicher Beitrag zum Geburtstagsjahr: Die Wiesbadener Galerie Kleinschmidt Fine Photographs zeigt eine exquisite Auswahl von Fotografien aus der Bauhaus-Zeit.

          Es ist ein Fest. Ein Fest der Gestaltung und des Neuen Sehens, eine Bild und Ausstellung gewordene Feier von Konstruktion, Rhythmus, Komposition und Material sowie keineswegs zuletzt des Experiments, mal mit, mal ohne Kamera, aus Licht und Schatten. Vor allem aber ist die reichlich prosaisch „100 Years of German Bauhaus“ überschriebene Schau, die nun in der Wiesbadener Galerie Kleinschmidt Fine Photographs zu sehen ist, eine Hommage an längst anerkannte ebenso wie an nahezu vergessene Meister ihrer Zunft. Dabei zeigt die zweite von insgesamt vier von Klaus Kleinschmidt zum 100. Geburtstag des Bauhauses eingerichtete Präsentation, die ebenso selbstbewusst wie irreführend als „Museumsausstellung“ apostrophiert wird, genau genommen nicht das, was sie verspricht. Und löst doch beglückend mehr ein, als man sich im Vorfeld hätte träumen lassen.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bauhaus-Schüler sind tatsächlich keineswegs alle der zwölf an der Steubenstraße präsentierten Künstler. Dass Max Baurs Produktfotografie der dreißiger Jahre trotzdem stilbildend war und dass Karl Hugo Schmölz’ „Detail einer Webmaschine“ oder Emil Leitners Aufnahmen der Leuchten, die Eckart Muthesius für den Maharadscha von Indore entworfen hatte, den Geist des Bauhauses atmen und dem Neuen Sehen nachhaltig verpflichtet sind, erschließt sich dem Betrachter gleichwohl auf den ersten Blick. Auch Werner Mantz hatte seine Kunst keineswegs in Dessau und bei Werner Peterhans gelernt. Und gilt mit seinen Arbeiten für das Büro Erich Mendelsohns oder Wilhelm Riphahn doch bis auf den heutigen Tag als der Fotograf des Neuen Bauens schlechthin.

          Über 20 Jahre hat Klaus Kleinschmidt die rund 25 in erstklassigem Zustand erhaltenen Originalabzüge zusammengetragen, die er nun in der Ausstellung zeigt. Im Grunde ist es ein Jammer, dass ein Großteil der Arbeiten so wohl nie wieder zu bestaunen sein wird. Zwar sind Ausstellungen zum Werk August Kreyenkamps und Heinrich Kochs in Vorbereitung, zwar hält der Galerist im Hinblick auf sie das eine oder andere Bild gezielt zurück. Auch von Elsa Thiemann, die hier mit den großartigen, noch während ihres Studiums in Dessau entstandenen „Sicherungen“ vertreten ist, mag man hoffen, noch einmal mehr als die zwei Silbergelatineprints in dieser Schau zu sehen. Doch für viele Künstler jener Jahre gilt trotzdem, was Kleinschmidt sagt: „Es handelt sich um gebrochene Viten.“

          Was das bedeutet? Das Werk einer ganzen Generation und mithin auch der zahlreichen Schüler aus Peterhans’ Fotoklasse ist durch Krieg und Flucht, Verfemung und Exil in der Regel ziemlich überschaubar. Und in Vintage-Qualität höchst selten sowie bei Sammlern überdies außerordentlich begehrt. Das gilt für Lou Landauer, deren phantastische Fotogramme wie die „Pimpinelle“ und der „Blühende Ginster“ aus dem Jahr 1936 schon im Jerusalemer Exil entstanden sind, ebenso wie für den 1934 tödlich verunglückten Heinrich Koch. Er ist mit einer herrlichen „Materialstudie Tuch“ und der seltsam rätselhaften, als getonter Bromsilberabzug ausgeführten „Texturstudie Zucker“ in der Schau vertreten. Zwei Arbeiten, die ihren Besuch allein schon lohnenswert erscheinen lassen. Ein Fest also, keine Frage, bei dem man als Betrachter gerne noch ein Weilchen bliebe. Und eine einmalige Gelegenheit.

          „100 Years of German Bauhaus“

          Die Ausstelung in der Wiesbadener Galerie Kleinschmidt Fine Photographs, Steubenstraße 17, ist bis zum 28. Juni zu sehen und mittwochs bis freitags von jeweils 13 bis 18 Uhr geöffnet. Um Anmeldung unter 06 11/5 99 07 01 oder unter mail@klauskleinschmidt.de wird gebeten.

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