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Künstler Max Slevogt : Ein Tag am Meer

Die See war ihm nicht wirklich wichtig: Max Slevogt, Skizze mit Flagge, 1908 Bild: GDKE/Landesmuseum Mainz (Ursula Rudischer)

Das Landesmuseum Mainz feiert Max Slevogts 150. Geburtstag. Im Zentrum der Schau stehen Urlaubsgemälde, die daran erinnern, dass es auch einen deutschen Impressionismus gibt.

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          Da wäre man gern dabei gewesen. In Paul Cassirers Sommerhäuschen mitten in den Dünen, bei den Spaziergängen am Strand oder dem Glas Wein auf der Terrasse mit diesem wunderbaren Blick aufs Meer. Und vor allem hätte man nun wirklich gar zu gern den Gästen des Berliner Galeristen und Verlegers dabei zugesehen, wie sie am Morgen, vielleicht bei einer Tasse Tee, Pinsel, Staffelei und Farbe vorbereiten, um im Verlauf des Tages Wind und Wetter, Himmel, Brandung, Badespaß und Strandvergnügen in spontan erfassten malerischen Bildern einzufangen. Nur Lovis Corinth, der auf Einladung Cassirers mit Max Slevogt und Max Liebermann im Sommer 1908 im holländischen Noordwijk weilte, hatte offensichtlich keine große Lust zu malen.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein einziges Gemälde aus dieser mit den Kollegen von der Berliner Secession verbrachten Sommerfrische ist von ihm überliefert, und das zeigt nicht die Wellen und das Meer, sondern ein Porträt des Malerfreundes Slevogt mit Prinz-Heinrich-Mütze. Und setzt damit eine hübsch beiläufige Pointe in dieser an Überraschungen nicht armen Schau, die das Mainzer Landesmuseum Slevogt (1868 bis 1932) zum 150. Geburtstag eingerichtet hat. Denn will man etwa den brieflichen Zeugnissen von seinem zweiten – und letzten – Nordseeaufenthalt 15 Jahre später Glauben schenken, wusste Slevogt mit dem Meer, mit Fischerkähnen, Seemannsgarn und Freizeitkapitänen nicht viel anzufangen.

          Höchst bemerkenswerte Bilder

          „Zu viel Menschheit“, schreibt er etwa an Pauls Cousin Bruno Cassirer von der Insel Norderney, und an seinen Freund Franz Josef Kohl: „Ich wäre lieber auf Neukastel“ – seinem Sommersitz in der Pfalz – „als hier.“ Zu voll eben und schon damals schrecklich teuer. Und doch sind am Meer und insbesondere bei dem gemeinsamen Malerurlaub mit Cassirer und Tilla Durieux, mit Liebermann und Corinth sechs nicht nur aufgrund der Seltenheit des Sujets in seinem Werk höchst bemerkenswerte Bilder entstanden.

          Vier von ihnen sind nun in der Ausstellung zu sehen, die darüber hinaus mit einer ganzen Reihe von Grafiken aus dem erst vor ein paar Jahren vom Landesmuseum angekauften Nachlass, mit Skizzen und mit Briefen glänzen kann. Darunter, auch das durchaus Stoff für die eine oder andere Anekdote, eine ganze Reihe von Papierarbeiten, von Zeichnungen und Lithographien vor allem zu Slevogts schließlich 1909 bei Cassirer erschienenen Illustrationen zum „Lederstrumpf“. Spielten doch die Urlauber 1908, als Slevogt vornehmlich mit den Arbeiten zu James Fenimore Coopers Roman beschäftigt war, wie die Kinder in den Dünen rund um Cassirers Ferienhaus Indianer.

          Eine kleine Sensation

          Im Zentrum der „Ein Tag am Meer. Slevogt, Liebermann & Cassirer“ überschriebenen Schau aber stehen naturgemäß jene Gemälde Slevogts, die während des Urlaubs der Künstlerfreunde 1908 entstanden sind. Vier Bilder bloß, doch schon das erscheint zumindest als kleine Sensation. Galten doch zwei von ihnen, das „Strandbild mit Muschelfischer“ und die „Landschaft mit weißer Dame“, als seit Jahrzehnten schon verschollen, und war die „Skizze mit Flagge“ in Öl auf Malpappe bis zu dieser Schau gar der Forschung gänzlich unbekannt. Und eine Arbeit wie Slevogts herrliche, unter hoch angesetztem Horizont pastos die Wellen aufs Land treibende „Nordländische Strandlandschaft“ lohnt ohnehin allein schon den Besuch.

          Der Clou der Ausstellung aber ist der differenzierte Blick zurück auf die durch nichts als ihre Bilder dokumentierte gemeinsame Sommerfrische der Malerfreunde. Stellt sie den vier am Strand von Noordwijk entstandenen Gemälden Slevogts doch eine Reihe von Arbeiten Liebermanns gegenüber, die schon mal die gleiche Perspektive wiedergeben. Geradeso, als hätten beide tatsächlich Staffelei an Staffelei auf der Terrasse von Cassirers Ferienhaus gesessen. Doch wie anders stellt sich die Landschaft in den Werken der beiden mit Corinth wohl bedeutendsten deutschen Impressionisten dar!Sicher, auch Liebermanns endlos lange Strände sind zunächst vor allem Farbe, Licht und Atmosphäre.

          Doch sind sie stets auch voller Menschen in eleganten weißen Sommerkleidern, die am malerischen Nordseestrand ein wenig promenieren, während Slevogts Malerei ganz Wind und Wetter, Strand und Wellen scheint. Sonst nichts. Anders als Liebermann, der hier zahlreiche Sommer malend vor der Natur verbrachte, reiste Slevogt denn auch künftig lieber wieder in die Pfalz und malte, was er von der eigenen Terrasse sehen konnte: viel Wein vor allem, ein paar Hügel vielleicht dann und wann und irgendwo am Horizont den Rhein. Wenig Menschheit. Und von Sommerfrischlern keine Spur.

          „Ein Tag am Meer. Slevogt, Liebermann & Cassirer“

          Die Ausstellung im Landesmuseum Mainz, Große Bleiche 49–51, ist bis 10. Februar dienstags von 10 bis 20 Uhr sowie mittwochs bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Katalog kostet 29,90 Euro.

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