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Keine klassische Kunst : Orte möglichen Wohnens

Jakob Sturm in seinem Atelier: „Ich möchte, dass ein Raum entsteht.“ Bild: Frank Röth

Jakob Sturm hat das Frankfurter Atelierhaus „basis“ mitbegründet, vermittelt mit „Radar“ Räume für Kreative und ist doch in erster Linie Künstler. Jetzt hat er ein Buch geschrieben.

          3 Min.

          Ob das Kunst ist? Das, was er so macht den lieben langen Tag? Eigentlich, sagt Jakob Sturm, wisse er das selbst nicht so genau. Dabei hat er nicht nur Philosophie und im Anschluss bei Heiner Blum in Offenbach studiert, er gehört auch seit mehr als zwanzig Jahren zu den Akteuren des kulturellen Lebens in der Stadt.

          Christoph Schütte
          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sturm hat schon in den neunziger Jahren mit Bernd Winzinger das „Kunstbüro“ gegründet, er fotografiert und zeichnet, ist bekannt geworden mit seinen raumgreifenden, gern in leerstehenden Gebäuden realisierten Installationen und leitet seit nunmehr auch schon 15 Jahren mit Felix Ruhöfer das Atelierhaus „basis“ im Frankfurter Bahnhofsviertel. Ob das Kunst ist also? Nun, auf den ersten Blick sehen die Ergebnisse in der Tat nicht unbedingt so aus.

          Nicht so jedenfalls wie das, was wir im Allgemeinen für das Ergebnis künstlerischer Arbeit halten. Nicht wie Malerei oder wie eine klassische Skulptur. Sondern mal wie eine Jugendherberge, mal wie eine temporäre Suppenküche, ein Leseraum vielleicht oder gar wie ein vierstöckiges Gebäude. Oder wie ein gerade eben erst erschienenes Buch. Kein Künstlerbuch im strengen Sinne, sondern eine Autobiografie ist „Orte möglichen Wohnens“ (Axel Dielmann Verlag) geworden oder besser: ein erzählendes, an der eigenen Biographie entwickeltes Nachdenken über das eigene Tun. Über Fragen, wie Sturm sagt, „die ich mir immer gestellt habe“, die sich ihm freilich nun, als er vor drei Jahren mit gerade einmal Anfang fünfzig die Diagnose Parkinson erhielt, noch einmal neu und anders stellten.

          Kommentar der künstlerischen Arbeit

          „Was ich hier mache“, ob das Kunst ist, und überhaupt, was das am Ende alles soll. „Die klassische Sinnfrage eben.“ Indes, im Buch spielt die Diagnose im Grunde keine Rolle. Sicher, das Schreiben, so Sturm, „war auch eine Art Medizin. Eine Therapie.“

          Vor allem aber war der trockene, brutale medizinische Befund Anlass für das Schreiben. Und das Sich-Erinnern. Wie wir werden, was wir sind. Nicht aus Eitelkeit und nicht um seiner selbst willen, nicht einmal, um der Melancholie zu begegnen, die einen in solchen Augenblicken überfallen mag. Sondern „als Kommentar meiner künstlerischen Arbeit“, wie Sturm es durchaus treffend formuliert. Ein Ratgeber jedenfalls, ein Selbsthilfebuch ist „Formen möglichen Wohnens“ nicht geworden. Vielmehr stellt es zunächst einmal vor allem Fragen.

          Biographische wie im engeren Sinne künstlerische, philosophische, unmittelbar politische und ganz alltägliche. Das ist dann auch schon beinahe alles. Doch genau darauf kommt es Jakob Sturm am Ende an. Entsteht doch gerade hier, wo sich die unterschiedlichen Sphären berühren, überschneiden und mitunter sich ganz selbstverständlich überlagern, jener Raum, um den sich in seinem Denken seit jeher und, folgt man Sturms Erinnerung, schon seit Kindheitstagen alles dreht. Und in dem erst seine Kunst sich Mal um Mal subtil entfaltet. Das galt schon für seine frühen, noch mit dem „Kunstbüro“ entstandenen Arbeiten wie die an der Schnittstelle von Kunst und Alltag angesiedelten „Messebetten“ im Jahr 2000 oder für die temporären, performativ bespielten „Letzten Dinge“ im alten Hauptzollamt.

          Hochpolitisch und utopisch

          Und für die 2003 gegründete Initiative „raumpool“, für die Plattform „Radar“, die sich um die Vermittlung von Studios an Kreative kümmert, und für das Atelierhaus „basis“ mit seinen mittlerweile gut und gerne 120 Ateliers, gilt es selbstredend ohnehin. Im schlichten materialen Sinne. Raum aber, so zeigt schon die offene, als „Work in progress“ konzipierte Fotoserie von gleichsam im öffentlichen Raum vorgefundenen „Orten möglichen Wohnens“, die auch seinem Buch den Titel gaben, Raum heißt für Sturm über die konkreten Manifestationen hinaus vor allem Denkraum. Kommunikationsraum. Möglichkeitsraum. Ein Ort für Kultur und kreative Prozesse.

          „Ich möchte, dass ein Raum entsteht, dass etwas geschieht, dass etwas geschehen kann, möglich wird“, wie es im Buch einmal heißt. Das mag man zunächst einmal pragmatisch nennen. Indes, in einer Stadt wie Frankfurt, in der sich mancher Künstler eine Wohnung und ein Atelier schon lange nicht mehr leisten kann, in der der öffentliche Raum spürbar enger zu werden und zunehmend von kommerziellen Interessen überlagert scheint, in einer solchen Stadt markiert das vor allem eine Haltung. Und mit einem Mal erweist sich die konsequent dem Werk-, ja selbst dem Objektbegriff sich entziehende Kunst des Jakob Sturm als hochpolitisch.

          Als soziale, Raum stiftende Plastik ist man geneigt zu sagen, mal vorübergehend, mal auf Dauer Form geworden in den „Messebetten“ geradeso wie in einem Haus wie „basis“, kurzum, als konkrete Utopie. Indem sie im Wort- wie im übertragenen Sinne Räume entwickelt und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt, die sich der ökonomischen Verwertung entziehen. „Ich schaffe nur den Rahmen und lasse mich überraschen“, sagt Sturm. Der Rest ist buchstäblich Verhandlungssache. Mag sein, die großen Fragen nach der Kunst, dem Sinn und was das alles soll, sie bleiben. Nicht die Antwort aber, die Fragen machen alle Kunst am Ende aus.

          Ausstellung der „Orte möglichen Wohnens“

          Am 11. Februar stellt Jakob Sturm „Orte möglichen Wohnens“ in den Räumen der Frankfurter Heussenstamm-Stiftung, Braubachstraße 34, vor. Beginn ist um 19.30 Uhr.

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