https://www.faz.net/-gzg-9ie2g

Bizarre Welt der Baumrinde : Die Natur ist der Künstler

Witterungseinflüsse, Pilzbefall und der Zahn der Zeit hinterlassen in den Bäumen bizarre Gebilde und Formen. Bild: Gerhard Reusch

Es sind Bilder voller abstrakter Formen. Gerhard Reusch findet mit der Kamera in der Rinde von Bäumen und in verwittertem Altholz traumhafte Landschaften.

          Die Natur erzeugt in ihrem Schoße eine unerschöpfliche Fülle von wunderbaren Gestalten, durch deren Schönheit und Mannigfaltigkeit alle vom Menschen geschaffenen Kunstformen weitaus übertroffen werden.“ Mit diesen kühnen Worten leitete der Zoologe, Arzt und Künstler Ernst Haeckel seine zwischen 1899 und 1904 erschienene Serie „Kunstformen der Natur“, ein umfängliches Tafelwerk, ein, das prompt für viele Jugendstil-Künstler zu einer die Phantasie anregenden Vorlage wurde. Ließen die sich von den Formen inspirieren, dienen anderen Künstlern Licht- und Farbenspiele oder bizarre Figuren, die sich beim Betrachten der Natur entdecken lassen, als Anregung.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für den Aschaffenburger Fotografen Gerhard Reusch ist die Borke von Bäumen steter Lieferant bizarrer Gebilde, Formen und Farben, die sich beim genaueren Betrachten zu Bildern fügen, die an expressive oder abstrakte Landschaften denken lassen. „Die Natur ist der größte Künstler. Das wurde mir über die Jahre hin immer bewusster. Desto mehr ich erkannt habe, welches natürliche künstlerische Potential in der Baumrinde und in verwittertem Altholz steckt, habe ich immer intensiver nach den Furchen, Kerben, Rillen und so weiter gefahndet: nach imaginären Landschaften, Figuren, Formen und Farben. Für die Surrealisten wäre die Baumrinde sicher eine gute Inspirationsquelle. Meist erkenne ich ziemlich genau, ob es lohnt, die Kamera in die Hand zu nehmen. Das Licht spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ich bevorzuge das verhaltene Abendlicht“, erzählt der 69 Jahre alte Fotograf über seine Leidenschaft, für die er als Gestaltungsmittel vorrangig Ausschnitt, Format und Kontrastregulierung einsetzt.

          „Auf eine gewisse Authentizität lege ich Wert“

          Die nachträgliche Bildbearbeitung am Computer verkneift er sich weitestgehend, wenngleich er gesteht, „dass ich in letzter Zeit etwas häufiger mal an der Farbschraube drehe“. Wichtig ist Reusch, der fast vier Jahrzehnte lang als Tageszeitungsredakteur tätig war, dass bei seinen Fotografien nicht auf Anhieb der Ursprung der Abbildung, also die Baumrinde oder das Altholz, erkennbar ist. „Auf eine gewisse Authentizität lege ich Wert, doch muss vor allem die Stimmigkeit der Formen und Farben gegeben sein. Das Vorhandene muss sich zu einem homogenen Ganzen fügen“, sagt er.

          Das Licht liefert faszinierende Farben: Das Licht offenbart surreal oder abstrakt anmutende Ansichten.

          Seine Motive findet Reusch auf Reisen, vor allem aber auf Spaziergängen in Aschaffenburg und im Spessart. Umfangreiches Kameraequipment schleppt er dabei nicht mit sich. Ihm genügen eine schon ältere Spiegelreflexkamera und eine neuere Kompaktkamera, beide von Nikon, für seine Fotoarbeiten. Auf Zubehör wie etwa Filter verzichtet er ganz. Die Borke der Bäume, oft Birken oder Platanen, bietet, bedingt durch Witterungseinflüsse, Pilzbefall und den Zahn der Zeit, Effekte genug – eben „eine unerschöpfliche Fülle von wunderbaren Gestalten“, wie Haeckel einst schrieb.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Charismatisch und skrupellos : Was will Boris Johnson?

          Er ist Held der englischen Nationalisten und Favorit für den Vorsitz der Konservativen. Einen echten Plan für den Brexit hat der begabte Scharlatan noch immer nicht.

          FAZ Plus Artikel: Eurofighter-Absturz : 50 Meter an der Katastrophe vorbei

          Ein Pilot stirbt, einer ist schwer verletzt – schlimm genug. Bei der Suche nach Wrackteilen der abgestürzten Eurofighter in Mecklenburg zeigt sich, dass es noch schlimmer hätte kommen können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.