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Kronberg/Königstein : Reich und unbarmherzig im Vordertaunus?

Menschen in Kronberg und Königstein sehen sich durch einen Artikel einer Wochenzeitung als unbarmherzig abgestempelt.

          3 Min.

          Sportsgeist weiß man in Kronberg zu schätzen. Dass Henning Sußebach so oft Applaus bekommt, hätte er vermutlich nicht gedacht. Immer wieder würdigen selbst die kritischsten Zuhörer, dass sich der Redakteur der Wochenzeitung "Die Zeit" am Montagabend in den Hartmutsaal der evangelischen Gemeinde St. Johann getraut hat. Dort sind die 100 Stühle schnell besetzt, und mindestens noch einmal so viele Menschen hocken auf Tischen am Rand oder müssen stehen.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          An Flucht ist also nicht zu denken. Und mit Sympathie können der Hamburger Autor und die ebenfalls anwesende Schauspielerin Viola Heeß kaum rechnen. Die beiden hatten sich als Obdachlose verkleidet und waren durch Kronberg und Königstein gezogen. Wo die Statistik die reichsten Menschen Deutschlands verortet. Es war im Advent, und die beiden klopften in den Villenvierteln an die Tür. Wie ihr Vorbild Maria und Josef fanden sie keine Herberge. Stattdessen beschrieben sie die großen Autos, die vielen Kameras, die abweisenden Blicke. Ergebnis: Das, was Journalisten eine "schöne Geschichte" nennen. Und zwei Orte mit zusammen mehr als 30.000 Einwohnern, die sich als "Getto des Geldes" vorgeführt sehen.

          „Reizende Geschichte“ fehlte

          Eingeladen zum Gespräch zwischen Schreiber und Beschriebenen hatte die evangelische Kirche. Denn auch Pfarrer Hans-Joachim Hackel, im Artikel nicht namentlich genannt, aber leicht identifizierbar, kam nicht gut weg. Zwar versorgte er die beiden mit Geld und reichlich Verpflegung. Fürs Übernachten aber verwies er sie zur Jugendherberge nach Bad Homburg. "Ich habe den beiden die Obdachlosigkeit nicht ganz abgenommen", sagt er jetzt auf dem Podium neben ihnen. Schließlich habe er häufiger mit solchen Menschen zu tun, und deren typische "reizende Geschichte" habe gefehlt. Hinzu kämen schlechte Erfahrungen: Er sei schon einmal gewürgt und mit dem Kopf gegen die Heizung geschlagen worden, erzählt der Pfarrer. Ein immer wieder zu hörender Zwiespalt - jeder Präventionsbeauftragte der Polizei empfiehlt, keine Fremden ins Haus zu lassen.

          Auch Dekan Eberhard Kühn hätte den beiden wohl kein Bett angeboten, wie er zugibt. "Und die 20 Euro von Pfarrer Hackel fand ich eher viel." Es gebe für solche Fälle nun einmal eine Hilfestruktur. "Andererseits gefällt mir das Bibelwort: ,Klopft an, so wird euch aufgetan.'" Moderatorin Ulrike Holler fragt Sußebach, ob die Forderung nach einer Unterkunft nicht unrealistisch gewesen sei. "Wir haben nicht alle darum gebeten", antwortet er. Und es gebe ein weites Feld zwischen Türzuknallen und Bettanbieten. Kühn wendet sich gegen die "flächendeckende Stigmatisierung" der Menschen im Taunus. Die Formel: "Je reicher, desto unbarmherziger" will er nicht gelten lassen. Treffender ist womöglich die Erfahrung, die der Referent für Ethik und Sozialpolitik des Diakonischen Werks Alexander Dietz vor einigen Jahren beim Erstellen des Reichtums- und Armutsberichts für den Hochtaunuskreis gemacht hat: "In reicher Umgebung ist es besonders schwer, arm zu sein."

          „Warum nicht Starnberg“

          Die Kritik aus dem Publikum entzündet sich auch an Details ("An der Bahnlinie gibt es keine Pferdekoppeln"), aber vor allem empfinden die Kronberger und Königsteiner den Artikel als "polemisch", "unausgewogen" und "skandalös". Denn wer sich Hilfe verdient, bekommt sie: "Ich hätte Sie nicht reingelassen, aber gefragt, ob Sie eine Arbeit suchen", sagt ein älterer Mann. Überhaupt: "Josef war kein Obdachloser, sondern ein ordentlicher Zimmermann." Der Kronberger CDU-Stadtverordnete Helfried Moosbrugger ist sogar "froh, dass nicht alle auf Ihre Betrügereien reingefallen sind". Außerdem fänden jedes Jahr mehr als 100 junge Menschen eine Herberge bei Privatleuten in der Stadt, wenn die Kronberg Academy ein Bett für junge Musiker suche.

          Besonders verärgert sind einige über Sußebachs Schilderung einer Wohltätigkeitsveranstaltung im Schlosshotel. Dem Autor ging es nach eigenen Worten ums Prinzip: Der Staat bekomme nach den vergangenen Reformen weniger Steuern von den Wohlhabenden. "Das führt zu einer Feudalisierung der Hilfe", erklärt Sußebach. "Maria"-Schauspielerin Viola Heeß sagt, für sie wäre es am schönsten, wenn andere Menschen nach dem Artikel einmal darüber nachgedacht hätten, ob sie wirklich anders gehandelt hätten. Aber die Kronberger möchten dafür nicht als Beispiel herhalten. "Warum haben Sie den Artikel nicht über einen Hamburger Vorort oder in Starnberg geschrieben?", lautet eine der ersten Fragen.

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