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Kronberg : Als „U-Boot“ im Kampf gegen die Nazis

  • -Aktualisiert am

Eugen Herman-Friede kämpfte als junger Mann gegen die Nationalsozialisten Bild: Kretzer, Michael

Eugen Herman-Friede ist sehr jung, als er zum Widerstandskämpfer wird. Gemeinsam mit anderen schreibt er Flugblätter gegen das nationalsozialistische Regime. Der 8. Mai ist für ihn ein besonderes Datum.

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          Regungslos steht er im Kleiderschrank. Durch einen Spalt beobachtet der 18 Jahre alte Eugen Herman-Friede, wie zwei Männer der Geheimen Staatspolizei mit Pistolen in der Hand ins Zimmer des Gasthauses Leonhard in Luckenwalde stürmen: „Hände hoch“, schreien beide. Er sieht, dass seine Eltern sich nicht rühren. Der jüngere Polizist geht auf die Schranktür zu und reißt sie auf. „Dann hat er mich rausgezerrt und mir erst mal ein paar rechts und links gescheuert“, erzählt der heute 86 Jahre alte Eugen Herman-Friede mit leichtem Berliner Dialekt.

          Es ist Montag, der 11. Dezember 1944. Die Familie wird in das Amtsgericht nach Luckenwalde abgeführt, und Eugen Herman-Friede sieht den zweiten Mann seiner Mutter, den er Vater nennt, zum letzten Mal in seinem Leben. Am Tag darauf wird der Ziehvater in ein Berliner Gefängnis gebracht, wo er später stirbt. Seine Mutter und Herman-Friede selbst kommen nach Potsdam in Haft. Nach dem Krieg werden sie sich wiedersehen.

          Bei Kommunisten versteckt

          Als Kind jüdischer Russen hat Herman-Friede bis dahin im Untergrund gelebt. Als „U-Boot“ - so nannten sich die in der Illegalität lebenden Juden und politischen Flüchtlinge. Ende Januar 1943 war er untergetaucht. Um nicht in ein Konzentrationslager deportiert zu werden, kommt er zunächst bei kommunistischen Bekannten seines „arischen“ Ziehvaters in Berlin unter.

          Aus Sicherheitsgründen muss Herman-Friede mehrmals die Bleibe wechseln. Er versteckt sich meist bei Kommunisten, die sich untereinander kennen und ihn an den nächsten „Genossen“ weitervermitteln. Von August 1943 an wohnt er immer wieder in der brandenburgischen Kleinstadt Luckenwalde bei Familie Winkler, die nach seinen Worten „Anti-Nazi“ war und später zum Kern der Widerstandsgruppe „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau“ gehörte.

          Herman-Friedes Eltern, die nach dem nationalsozialistischen Sprachkodex eine „Mischehe“ führen, ziehen in ein Zimmer des Gasthauses Leonhard in Luckenwalde, damit sie ihren Sohn so oft wie möglich sehen können. Und auch, um den Bombenangriffen der Alliierten auf das rund 60 Kilometer entfernte Berlin zu entgehen. Weil die jüdische Mutter mit seinem „arischen“ Ziehvater lebt, ist sie zunächst weniger von einer Deportation bedroht als ihr Sohn.

          Das Klingeln an der Tür

          Für Eugen Herman-Friede ist die Erinnerung immer noch gegenwärtig. Wenn sich der 8. Mai 1945, das Kriegsende, jährt, denkt er besonders viel an damals. Seit 50 Jahren lebt der gebürtige Berliner in Kronberg. Seine Haare sind weiß geworden. Herman-Friede sitzt auf einem Schafsfell, das auf einem dunkelroten Ledersofa liegt; er lehnt sich in zwei Kissen zurück. Er verschränkt die Arme, lehnt sich wieder nach vorne und legt die rechte Hand in die Innenfläche der linken, wie in eine Kuhle.

          Dann erzählt er weiter, von jener Zeit, als er als „U-Boot“ bei Familie Winkler in Luckenwalde gewohnt hat, beim Justizangestellten Hans Winkler und dessen Frau Frida. Er erzählt von einem Tag im September 1943, von einem Klingeln an der Tür. „Ich bin schnell ins Schlafzimmer und hab mich hinter einem Schrank versteckt“, sagt er. Frida Winkler kennt die Leute an der Tür nicht. Der Mann sagt, er sei Werner Scharff, die Dame neben ihm seine Freundin Francia Grün. Sie seien beide Juden und aus dem Konzentrationslager Theresienstadt geflohen. Wie die Flucht gelang, weiß Herman-Friede bis heute nicht genau, aber er hat in einem Buch gelesen, dass sie sich SS-Uniformen besorgten und heimlich fliehen konnten.

          Frida Winkler bittet das Paar herein. Herman-Friede kommt aus seinem Versteck hervor. Als Hans Winkler wenig später eintrifft, berichtet Scharff von einem jüdischen Freund Winklers, der ihm in Theresienstadt dessen Adresse nannte für den Fall, dass er Hilfe brauchte. Die beiden Geflohenen kommen bei einem Freund Winklers unter.

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