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Kritik von Greenpeace : „Land zerstört wertvollste Buchenwälder“

  • -Aktualisiert am

Wichtig für Klima und Artenschutz: Hessens Buchenwälder Bild: dpa

Die Umweltorganisation Greenpeace hält die hessische Waldpolitik für verfehlt. Hessen-Forst dagegen bescheinigt sich einen sorgsamen Umgang mit dem heimischen Wald.

          3 Min.

          Der Landesbetrieb Hessen-Forst hat seine Geschäftszahlen in einem „Nachhaltigkeitsbericht“ vorgelegt. Die Titelseite des mehr als 100Seiten starken Werkes zieren vitale, ausgewachsene Bäume. Dass es um sie in Hessen generell gut bestellt ist, daran äußert im Jubiläumsjahr „300Jahre Nachhaltigkeit“ Greenpeace jedoch erhebliche Vorbehalte. Die Hamburger Umweltorganisation wirft dem Landesbetrieb sogar vor, alte und „ökologisch wertvollste Buchenwälder“ zu zerstören, obwohl sie von zentraler Bedeutung für den Klima- und Artenschutz in Hessen seien.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Die Vorwürfe glaubt Greenpeace mit eigenen Holzvorratsmessungen belegen zu können. Im Februar und März dieses Jahren waren Aktivisten der Organisation in alte Buchenwälder im hessischen Staatswald ausgeschwärmt. Sie hatten in zwölf Quadranten von jeweils einem Hektar Größe alle Buchenstämme mit einem Durchmesser von mehr als sieben Zentimetern in Brusthöhe erfasst und daraus den Holzvorrat geschätzt sowie die Menge an Kohlendioxid, die das jeweilige Stück Wald bislang der Atmosphäre entzogen hat.

          Greenpeace sei oberflächlich

          Im Ergebnis konstatiert Greenpeace, dass in neun der zwölf Testflächen die Holzvorräte zum Teil weit unter dem bundesweiten Durchschnitt aller Wälder in Höhe von 330 Vorratsfestmetern pro Hektar liegen. Der niedrigste Wert sei mit 87Festmetern nach einem starken Holzeinschlag in dem Wald „Sackpfeife“ bei Hatzfeld im Kreis Waldeck-Frankenberg gemessen worden – ausgerechnet in einem anerkannten europäischen Naturschutzgebiet, wie Greenpeace moniert.

          Hessen-Forst kommentiert derlei Vorwürfe gelassen. Die Argumente von Greenpeace seien oberflächlich und nicht zutreffend, sagt Sprecherin Petra Westphal. Die Kritik werde immer dann gegen einzelne Bundesländer verschärft, wenn dort Wahlen oder Regierungsbildungen anstünden.

          Greenpeace-Daten nicht aussagekräftig

          Tatsächlich verbindet Greenpeace mit seinen Vorwürfen handfeste Forderungen an die künftige hessische Landespolitik. Die neue Landesregierung müsse für eine „Wende in der Waldpolitik“ sorgen, heißt es in der Stellungnahme aus Hamburg. Das Waldgesetz und das Jagdgesetz müssten novelliert, der Staatswald müsse flächendeckend nach den Richtlinien des Weltforstrates FSC zertifiziert werden. Erhoben werden auch Forderungen nach einem sofortigen Einschlagstopp für alle mehr als 140Jahre alten Buchen- und Laubwälder, die in öffentlicher Hand sind. Zehn Prozent dieser öffentlichen Wälder des Landes müssten bis 2020 rechtlich verbindlich aus der forstlichen Nutzung genommen und als „Urwälder von morgen“ stillgelegt werden, lautet die waldpolitische Forderung von Greenpeace.

          Hessen-Forst weist bisher sechs Prozent der Waldfläche (20000 Hektar) als „nutzungsfrei“ aus. Der Landesbetrieb hält die Messungen von Greenpeace für nicht repräsentativ unter Verweis auf die Zeitreihen der Bundeswaldinventur. Deren umfassende Daten belegten, dass der Holzvorrat in alten hessischen Buchenwäldern zugenommen habe, heißt es aus Kassel. Der tatsächliche Einschlag in diesen Wäldern bleibe seit Jahren hinter dem genehmigten und nachhaltigen Hiebsatz zurück. Der gesamte Holzvorrat in den hessischen Wäldern nehme seit Jahrzehnten zu. Das Fällen alter Buchen sei auch in FFH-Schutzgebieten legitim.

          „Nullsummenspiel“ der Bäume

          Hessen-Forst streitet nicht ab, dass der Holzvorrat in bestimmten Waldgebieten phasenweise auch vergleichsweise gering ist, wie es heißt. Das aber sei die logische Konsequenz einer modernen und naturnahen Waldwirtschaft, die in dem Bundesland Leitlinie der Bewirtschaftung des Staatswaldes sei. Wenn in einem bestimmten Waldgebiet sukzessive die alten Bäume gefällt würden, um Licht und Platz für die nächste Generation zu schaffen, sinke dort der Holzvorrat, bis die jungen Bäume ausgewachsen und dick seien und die Altersklasse ihrer Vorgänger erreichten.

          Es sei richtig, alte Bäume zu ernten, um Platz für junge Bäume zu schaffen, sagt Westphal, auch wenn das der Öffentlichkeit nicht immer einfach zu vermitteln sei. Das gelte auch für die Speicherfähigkeit von Kohlendioxid im Wald. Zwar sei in alten Baumbeständen mehr Kohlendioxid gespeichert als in jungen. Doch das Speichern im Wald führe zu einem „Nullsummenspiel“ bei der Kohlendioxidbilanz. Gut sei es, wenn das Kohlendioxid auf Jahrzehnte in Stämmen gespeichert bleibe, die beispielsweise nach dem Fällen als Bauholz genutzt oder zu Möbeln verarbeitet würden. Das sei besser, als wenn abgestorbene und verrottende Bäume im Wald das Kohlendioxid langsam wieder freigäben. Leider lasse sich Greenpeace aber nicht auf diese Argumente ein. „Das passt nicht in deren Strategie“, sagt Westphal.

          „In beispielhafter Weise“

          Greenpeace dagegen hebt hervor, die hessischen Wälder würden durch eine verstärkte Holznutzung zu einer zusätzlichen Kohlendioxidquelle. Das aber müsse verhindert werden, lautet die Forderung von Greenpeace-Waldexpertin Gesche Jürgens.

          Hessen-Forst jedenfalls bescheinigt sich 300 Jahre nach der Formulierung des Prinzips der Nachhaltigkeit im deutschen Wald einen sorgsamen Umgang mit dem hessischen Staatsforst. Demnach legte der Holzvorrat im vergangenen Jahr um 2,18 Millionen Kubikmeter zu, während die Förster 1,92 Millionen Kubikmeter ernteten. Der gesamte Holzvorrat wird auf 71,42 Millionen Kubikmeter beziffert. Bei einem Ertrag von 200 Millionen Euro weist der Landesbetrieb mit seinen insgesamt 2344 Beschäftigten ein positives Jahresergebnis von 6,2 Millionen (Vorjahr 25 Millionen) Euro aus. Aus diesen Überschüssen flossen rund 20 Millionen Euro in Naturschutz, Erholung, Waldpädagogik und Forschung.

          Forstminister Lucia Puttrich (CDU) versichert in ihrem Vorwort zum Geschäftsbericht, dass Hessen-Forst seinen Verpflichtungen zur Nachhaltigkeit „in beispielhafter Weise“ gerecht werde. Hessen werde auch „im Jahr 2050 einen stabilen, belastbaren und leistungsfähigen Wald“ haben.

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