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Was darf Brauchtum? : Kritik an schwarz geschminkten Gesichtern

  • Aktualisiert am

„Blackfacing“: Harmloser Spaß oder Ausdruck von Rassismus? Bild: dpa

Die Hessen halten ihre Bräuche lebendig, etwa auf ihrem Landesfest, dem Hessentag. Doch manche ecken an und werden mitunter sogar als rassistisch bewertet. Was sagen Experten dazu?

          Der Hessentag steht an und feiert wieder Land, Leute und Brauchtum. Auch wenn sie seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten überliefert werden - Bräuche sind alles andere als statisch. „Sie sind keine ewig gültigen Handlungen, die immer gleich bleiben“, sagt der Marburger Kulturwissenschaftler Siegfried Becker. Sie seien in ihrer Deutung ständiger Veränderung unterworfen. Was einst akzeptiert war, kann heute als unpassend, diskriminierend - oder sogar rassistisch gelten.

          Diese Erfahrung machen gerade die Veranstalter eines Volksfestes im mittelhessischen Biedenkopf, zu dem die Figur eines „Mohren“ gehört. Dieser ist ein Protagonist des alle sieben Jahre und jetzt im August wieder stattfindenden Biedenkopfer Grenzganges. Bislang schlüpften Bürger geräuschlos in diese Rolle und malten sich dafür schwarz an. In diesem Jahr jedoch sehen sich die Veranstalter Rassismusvorwürfen ausgesetzt. Die Kritiker sprechen von „Blackfacing“.

          Wenn sich weiße Menschen stereotyp als Schwarze schminken, wird dies „Blackfacing“ genannt und allgemein als rassistisch kritisiert. Mit ähnlichen Vorwürfen mussten sich in der Vergangenheit bereits andere Vereine in Hessen auseinandersetzen - und die Frage diskutieren, ob bestimmte Bräuche noch zeitgemäß sind. Darüber sollten die Hessen viel mehr debattieren, finden Experten wie Becker.

          „Neger vom Südend“

          Mit „Blackfacing“-Vorwürfen wurde vor einigen Jahren beispielsweise ein Fuldaer Karnevalverein konfrontiert, der einen geschminkten „Neger vom Südend“ durch die Straßen geschickt hatte. Das Wort „Mohr“ steht ebenfalls immer wieder in der Kritik: Im vergangenen Jahr wurden gegen Betreiber von „Mohren-Apotheken“ Rassismusvorwürfe laut. Die aktuelle Diskussion hat ein Bericht des Hessischen Rundfunks ausgelöst, in dem es um „Blackfacing“-Kritik des Marburger Ausländerbeirates geht.

          Beim Biedenkopfer Grenzgang gehen Tausende Bürger die Grenze des Stadtwaldes ab, angeführt von Figuren, zu denen seit etwa 1809 der „Mohr“ gehört. Das Ereignis geht auf historische Gebietsbegehungen zurück, bei denen Grenzen markiert oder überprüft wurden. Die Figur sei nicht erfunden worden, um Schwarze zu diskriminieren, erklärt Becker, der Professor für Europäische Ethnologie ist. Sie spiegele den gesellschaftlichen Kontext des 18. und frühen 19. Jahrhunderts wider. Damals hätten Schwarze mitunter Ämter an den herrschaftlichen Höfen inne gehabt. Man müsse sich aber bewusst machen: „Die Menschen sind gegen ihren Willen aus Afrika hergebracht worden.“

          Für die Biedenkopfer ist klar: Der „Mohr“ ist eine positiv besetzte Gestalt, die Glück bringt. Er sei mit die schillernste und wichtigste Figur des Grenzgangs, sagt Uwe Funk, der erste Vorsitzende des Grenzgangsverein. Die „Blackfacing“-Diskussion kann er nicht verstehen, der Rassismus-Vorwurf sei unfair: „Der Grenzgang ist ein integratives Fest. Er verbindet die Menschen und soll ein fröhliches und friedliches Heimatfest sein.“ Auch Migranten beteiligten sich daran - und es sei schonmal ein schwarzer Biedenkopfer in die Rolle geschlüpft.

          Problem des „Blackfacing“

          Problematisch am „Blackfacing“ ist aus Sicht von Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, dass Personen auf ihre Hautfarbe reduziert werden. Betroffene werteten das als rassistischen Affront. „Die Intention, dass etwas nicht rassistisch gemeint ist, ist nicht gleichbedeutend damit, wie es bei den Betroffenen ankommt.“ Della wirbt für Sensibilisierung und Dialog. Es gehe nicht um Verbote, sondern um eine Debatte, ob derartige Bräuche noch angemessen in der heutigen Gesellschaft sind.

          Der Gießener Kultursoziologe Jörn Ahrens sieht zwar einen „eindeutig kolonialen und rassistischen“ Hintergrund von „Mohren“-Figuren. Diese könnten aber ein „Eigenleben“ entwickeln und sich dann von dem rassistischen Hintergrund ein gutes Stück lösen. Ahrens sieht gleichwohl noch viel „Aufarbeitungspotenzial“ und hält daher eine generelle Debatte zum Thema „Blackfacing“ und die damit verbundenen Stereotypen ebenfalls für wichtig.

          „Wir sollten aber nicht zu vorsichtig sein und gleich alle solche kulturellen Praktiken abschaffen“, sagt der Professor. „Wenn wir sehen, dass es eine Figur gibt, die vor Ort ihr eigenes Recht und Standing erworben hat und sie sich von der rassistischen Konnotation gelöst hat - dann glaube ich, kann man damit leben. Wichtig wäre aber, dass alle sich diesen Hintergrund klar machen.“

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