https://www.faz.net/-gzg-7plt0

Partnerschaftsverein Wiesbaden-Fatih : Besorgte Blicke nach Fatih

Gotteshaus am Bosporus: Die Moschee im Istanbuler Stadtteil Fatih. Bild: Daniel Pilar

Im Streit über die türkische Politik ist der Wiesbadener Partnerschaftsverein neutral. Und gerät genau deswegen zwischen die Fronten.

          3 Min.

          „Die Bundesregierung hat dazu das Nötige gesagt.“ Äußerst vorsichtig antwortet Thilo Tilemann auf die Frage nach dem bevorstehenden Besuch des türkischen Regierungschefs Recep Erdogan in Deutschland. Die Kanzlerin hatte ausrichten lassen, dass der Ministerpräsident willkommen sei, sie aber einen sensiblen Auftritt erwarte.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Auch Tilemann hat allen Grund, sich nach Kräften in der Kunst der Diplomatie zu üben. Denn der promovierte Wirtschaftsingenieur steht an der Spitze des deutsch-türkischen Vereins zur Unterstützung der Partnerschaft zwischen Wiesbaden und dem konservativen Istanbuler Stadtteil Fatih.

          Verein gegen große Widerstände gegründet

          Exakt 33 Gründungsmitglieder fanden sich in dem Club zusammen, als das Projekt im September 2012 offiziell besiegelt wurde. Der frühere Oberbürgermeister Helmut Müller (CDU) hatte es gegen große Widerstände in den eigenen Reihen und vielen guten Argumenten zum Trotz durchgesetzt. Er pflegte ein freundschaftliches Verhältnis zu seinem damaligen türkischen Amtskollegen Mustafa Demir (AKP), einem Gefolgsmann Erdogans.

          Der Bürgermeister von Fatih wurde um die Jahreswende im Rahmen von Ermittlungen wegen Korruption vorübergehend festgenommen. Seiner Partei haben die negativen Schlagzeilen und die scharfe Kritik an der zunehmenden Einschränkung der Freiheitsrechte in der Türkei bei den Kommunalwahlen aber nicht geschadet. Ende März konnte die AKP ihre Stellung als stärkste Partei in Fatih festigen. Aber auch die größte Oppositionspartei gewann drei Prozentpunkte hinzu.

          Konflikte in Türkei hinterlassen Spuren

          „Mit unserer Neutralität geraten wir zwischen politische Fronten“, stellt Tilemann fest. „Das macht die Partnerschaft manchmal etwas schwierig.“ Offenkundig wurde das, als der Verein kürzlich Cemal Karakas von der hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung im Wiesbadener Presseclub zu Gast hatte. Sein Vortrag über die aktuelle Lage der Demokratie in der Türkei löste eine emotionale Debatte aus. Schließlich verließ eine Gruppe von türkischstämmigen Zuhörern unter Protest den Raum.

          An dem inzwischen 85 Mitglieder zählenden Verein können die in der Türkei ausgetragenen politischen Konflikte nicht spurlos vorübergehen. Schließlich besteht er zu einem knappen Drittel aus Türken. „Völkerverständigung“ lautet denn auch Tilemanns Credo. Sein Verein biete ideale Voraussetzungen, um einander gegenseitig besser kennenzulernen und zu verstehen.

          Gewisse Einseitigkeit im Verein

          So hätten in den zurückliegenden zwölf Monaten fünfzehn bilaterale Begegnungen zwischen Menschen aus Wiesbaden und Fatih stattgefunden. Ein Drittel der Treffen habe sein Verein direkt organisiert. Hinzu komme der Schüleraustausch. Und schließlich gingen auch Gruppen wie Architekten oder Gesangvereine auf Reisen.

          Dabei ist eine gewisse Einseitigkeit nicht zu übersehen. Meistens sind es nämlich die Wiesbadener, die sich auf den Weg ins andere Land machen. Tilemann selbst war bislang viermal in Fatih. Dort treffe man viele Kommunalpolitiker, berichtet er. Auch die Begegnungen mit anderen Gruppen der Zivilgesellschaft häuften sich. Allerdings gibt es in Fatih keinen Verein zur ehrenamtliche Unterstützung der amtlichen Partnerschaft.

          Gerich äußert sich zurückhaltend

          Trotzdem spiegelt sich die Tradition der engen Beziehungen zwischen den beiden Völkern auch zwischen den verbündeten Kommunen an vielen Stellen anschaulich wider. Wiesbadener Fotografen sind auf Ausstellungen am Bosporus prominent vertreten. Skulpturen von Künstlern aus Fatih sieht man im Wiesbadener Stadtbild. Am vergangenen Wochenende zeigte der Verein auf dem Mauritiusplatz Flagge. Am 1.Juni richtet er im Kunsthaus auf dem Schulberg einen deutsch-türkischen Tag aus. Die Begegnung der Völker bereitete ihm Freude, sagt Tilemann, der sich als „europäischer Bürger“ fühlt.

          Für Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) ist die Beziehung zu Fatih eine von dreizehn Partnerschaften seiner Stadt. Der Delegation, die mit Müller an der Spitze vor eineinhalb Jahren nach Fatih reiste, gehörte er noch als Fraktionschef der SPD an. Bei dieser Gelegenheit lernte er seinen heutigen Amtskollegen Demir kennen. Seit dieser Zeit habe er ihn noch nicht wieder gesprochen, berichtet Gerich. Dasselbe gelte für viele andere Amtskollegen aus Partnerkommunen.

          Auch der Rathauschef äußert sich zur aktuellen Lage in der Türkei zurückhaltend. Wenn sie auch schwierig sei – für die Städtepartnerschaft habe sie keine Relevanz. Denn die Beziehungen der Kommunen seien nicht im engeren Sinne politisch. Sie dienten dazu, zwischen den Völkern Barrieren abzubauen und bürgerschaftliches Engagement zur Entfaltung zu bringen.

          Weitere Themen

          Türkischer Präsident tobt über Charlie Hebdo Video-Seite öffnen

          Erdogan-Karikatur : Türkischer Präsident tobt über Charlie Hebdo

          Im Streit zwischen der Türkei und Frankreich um Meinungsfreiheit und den Islam streut „Charlie Hebdo“ Salz in die Wunden: Das französische Satireblatt druckt auf der Titelseite eine Karikatur von Recep Tayyip Erdogan ab. Der türkische Präsident schäumt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.