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Kristina Schröder : „Inzwischen ziemlich abgebrüht“

Auf einer Bank im Grünen redet es sich leichter: Schröder findet die große Koalition „gruselig“. Bild: Marcus Kaufhold

Sie spricht über Integration und ficht für freie Sonntage: Was macht eigentlich die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder?

          6 Min.

          Das Treffen mit der Bundestagsabgeordneten Kristina Schröder kann nicht wie geplant stattfinden, das Lokal im Wiesbadener Stadtteil Schierstein ist geschlossen. Die Achtunddreißigjährige schlägt vor, eine Bank ausfindig zu machen. „Die Sonne scheint doch noch“, sagt sie. Tatsächlich findet sich im Park des Söhnlein-Palais’ eine so schöne Sitzgelegenheit, dass der herbstliche Schatten stillschweigend ignoriert wird. Ist die frühere Bundesfamilienministerin zwei Jahre nach ihrem Ausscheiden aus dem Regierungsamt entspannter als früher?

          Ewald Hetrodt
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          „Ich bin zumindest inzwischen ziemlich abgebrüht“, sagt die CDU-Politikerin. Aber war sie das nicht schon, als sie noch unter ihrem Mädchennamen Köhler von sich reden machte? Eine 24 Jahre alte blonde Bundestagskandidatin aus Wiesbaden präsentierte sich damals in der „Bild am Sonntag“ braun gebrannt und im Bikini am Sandstrand von Formentera. Der Parteivorsitzenden Angela Merkel passte der Auftritt gar nicht. Sie war schnippisch, als sie im Sommer 2002 alle neuen Kandidaten zu einem gemeinsamen Fototermin begrüßte: „Wie Frau Köhler aussieht, wissen wir ja schon.“

          Mit Angela Merkel per du

          Schröder, die Tochter eines Oberamtsanwaltes und einer Maklerin, hatte gerade ihr Soziologiestudium an der Universität Mainz abgeschlossen und damit die Mindestvoraussetzung für den Kampf um das Wiesbadener Direktmandat erfüllt. Um für ihren Wahlprospekt eine Aufnahme mit dem Kanzler der Einheit zu bekommen, wandte sie sich an einem Brief an Helmut Kohl. Dessen Sekretärin Juliane Weber verkündete ein paar Tage später telefonisch mit rauchiger Stimme die frohe Botschaft: „Ja Engelchen, wir machen das.“

          Heute hat Schröder zu ihrer politischen Leitfigur von einst keinen Kontakt mehr. Sie ist zwar seit fünf Jahren Präsidentin der ZNS-Hannelore-Kohl-Stiftung, aber der Altkanzler hatte sich schon vor ihrem Amtsantritt mit der Hilfsorganisation für schädelhirnverletzte Menschen überworfen und sein Amt als Ehrenvorsitzender aufgegeben. Dafür duzt Schröder sich inzwischen mit der amtierenden Kanzlerin. Das Verhältnis Schröders zu Angela Merkel kommt in einem vertraulichen Dokument zur Sprache, das die Enthüllungsplattform Wikileaks kürzlich veröffentlichte.

          „Kristina Who“

          Am 19. Dezember 2009 wurde die amerikanische Regierung mit einem Dossier über die neue deutsche Ministerin ins Bild gesetzt. Dazu zählt natürlich die Information, dass die junge CDU-Politikerin schon wenige Wochen später ihren Parteifreund, den Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesinnenministerium Ole Schröder, heiraten werde.

          Auch ihre kritische Auseinandersetzung mit den Themen Islamismus und Integration wird erwähnt. Sie machte sich damit schon in jungen Jahren einen Namen - und Feinde. Die Polizei ordnete Personenschutz an. Dem dreiseitigen Papier zufolge bestand der entscheidende Grund für ihre Berufung darin, dass Merkel als Ersatz für den ausscheidenden, aus Hessen stammenden Verteidigungsminister Franz Josef Jung eine Persönlichkeit aus demselben CDU-Landesverband gebraucht habe.

          Das Dokument trägt keine Unterschrift, aber den Vermerk, dass der Text mit der amerikanischen Botschaft in Berlin abgestimmt sei. Es wurde von Frankfurt aus an das Außenministerium in Washington D.C. gekabelt. Das Spannendste daran: Unter der Überschrift „Kristina Who“ erfährt der Leser, was ein „enger Berater“ des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch Vertretern des amerikanischen Generalkonsulates erzählt habe.

          Schröder mied die Talkrunden

          Danach war Köhler aufgrund ihrer unabhängigen Position in der hessischen CDU die ideale Kandidatin für Merkel. Denn die junge Frau lasse sich von ihr besser kontrollieren. Die abwertende Charakterisierung passt zu einer weiteren Auskunft des Gewährsmannes. Danach hat Koch bei Köhlers Berufung „keine Rolle gespielt“. Diese Tatsache war einer der Gründe dafür, dass der hessische Ministerpräsident und seine Heimattruppen der jungen Überfliegerin aus der Landeshauptstadt das Leben als Familienministerin von Anfang an schwermachten.

          Auch ihre ehrgeizige Vorgängerin Ursula von der Leyen pfuschte ihr ins Handwerk. „Wir sind doch sehr unterschiedliche Persönlichkeiten“, sagt Schröder heute. Dass sie schon bald nach der Übernahme des Regierungsamtes Lotte, ihr erstes Kind, zur Welt brachte, sorgte zwar für positive Schlagzeilen, aber die Belastung war enorm, zumal der Ehegatte einer ähnlichen beruflichen Beanspruchung ausgesetzt war wie die Ministerin. So mied Schröder die bekannten Talkrunden der großen Sender, weil sie ihre Abende für die Familie freihalten wollte. Im Übrigen erreichte sie im Scheinwerferlicht der Medien nicht immer die rhetorische Form, die sie wie selbstverständlich an den Tag gelegt hatte, solange sie noch einfache Abgeordnete war.

          Bundesfreiwilligendienst erweist sich als Erfolg

          Schröder verschweigt nicht, dass sie sich angesichts mancher öffentlicher Attacke ein dickes Fell habe zulegen müssen. „Ohne den Rückhalt meiner Familie wäre es sehr schwer geworden“, sagt sie. Ihre Eltern pendeln seit vier Jahren zwischen Wiesbaden und Berlin, um sich dort um den Nachwuchs zu kümmern. Auch sie hätten natürlich viele Anwürfe mitbekommen, berichtet Schröder. Aber sie hätten sich überreden lassen, den Internet-Suchdienst abzubestellen, der sie regelmäßig mit Berichten über die prominente Tochter versorgt habe.

          Gern und eingehend erzählt die frühere Ministerin von den großen Debatten über Kindertagesstätten, Betreuungsgeld und Emanzipation. Noch immer empört sie sich über die Häme und Intoleranz, mit der ein „linker mainstream“ konventionellen Rollenbildern begegnet sei. „Ich habe für alle Väter und Mütter die Fahne der Wahlfreiheit hochgehalten.“ Der von ihr eingeführte Bundesfreiwilligendienst erweist sich als voller Erfolg.

          Schröders Zeit im Familienministerium stand unter keinem guten Stern. Als Zweiunddreißigjährige, die außerhalb der Politik keinerlei berufliche Erfahrungen hatte sammeln können, musste sie von heute auf morgen ein Haus mit rund 500 Menschen leiten. Die junge, beruflich engagierte Ehefrau und Mutter verkörperte die einschlägige Programmatik der Union zwar geradezu idealtypisch, aber im realen Leben zeigte sich, wie schwierig es anscheinend gerade in der Politik ist, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Schröder war die richtige Frau zur falschen Zeit.

          Familienfreundlichkeit im Reichstagsgebäude

          Als Merkel sie im Bundestagswahlkampf 2013 in den Rhein-Main-Hallen mit warmen Worten bedachte, wusste sie schon, dass die junge Ministerin ihrem Kabinett nicht mehre lange angehören würde. Schon zu Beginn des Jahres habe sie der Kanzlerin ihren Abschied am Ende der Wahlperiode angekündigt, berichtet Schröder. Sie habe mit einer Vermutung reagiert: „Ihr wollt doch bestimmt noch ein zweites Kind.“ Am 16. Juni 2014 wurde Mathilde geboren.

          Unlängst ärgerte Schröder sich darüber, dass sie auf der Internetplattform „Abgeordnetenwatch“ als eine der faulsten Mandatsträger abgestempelt worden sei, weil sie bei namentlichen Abstimmungen im Plenum häufiger gefehlt habe. Dies war der Auslöser für sie, gemeinsam mit fünf anderen Müttern aus allen Fraktionen des Bundestags eine Initiative zu starten, die für „mehr Familienfreundlichkeit in der Arbeitswelt Politik“ sorgen will. So sollen zum Beispiel Babys und Kleinkinder bei namentlichen Abstimmungen im Plenarsaal erlaubt sein. Im Reichstagsgebäude wünschen die Mütter sich einen Stillraum und eine Kinderbetreuung, wenn Entscheidungen im Plenum erst spätabends fallen. In den Wahlkreisen soll eine „Selbstverpflichtung gelten: „Wir legen grundsätzlich keine Sitzungen auf den Sonntag“, heißt es in dem Papier, das inzwischen mehr als 200 deutsche Politiker unterschrieben haben.

          Eine Straße weiter wohnt Helene Fischer

          Schröder gehört inzwischen dem Wirtschaftsausschuss an. Sie sei immer schon überzeugt gewesen, dass „eine liberale ordnungspolitische Stimme“ wichtig sei, betont sie. Darum habe sie das Ende der bürgerlichen Koalition bedauert und die große Koalition von Anfang an „gruselig“ gefunden. Dass Schröder den Liberalen etwas abgewinnen kann, hat ihr vor der Bundestagswahl des Jahres 2009 geholfen, in ihrem Wahlkreis gegen die damalige Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) zum ersten Mal das Direktmandat zu gewinnen. Der FDP-Kandidat Wolfgang Gerhardt ließ im Wahlkampf erkennen, dass er auf die Erststimme keinen großen Wert lege und er Köhler den Erfolg gönne.

          Hat sie in Berlin manchmal Heimweh? In diesem Sommer jedenfalls hat sie seit Jahren erstmals die zehn Tage des hiesigen Weinfestes komplett in Wiesbaden verbracht. Die Frage, ob sie bei den nächsten Bundestagswahlen noch einmal antreten werde, will sie nicht beantworten. „Es ist absurd, darüber zu reden, solange noch nicht einmal die erste Hälfte der Legislaturperiode vorbei ist“, sagt sie. Mit ihrem Mann hat Kristina Schröder gerade in einem exklusiven Wohnviertel im Wiesbadener Stadtteil Sonnenberg ein Haus gekauft, das jetzt saniert wird. Eine Straße weiter wohnt Helene Fischer. Anders als ihrer Nachbarin fliegen Schröder nicht die Herzen der Massen zu. Aber sie ist in ihrem Wahlkreis nach wie vor gut vernetzt. Der Kontakt zu Bernhard Lorenz, dem Fraktionschef der CDU im Rathaus, ist eng. Auch mit ihrem Parteichef Oliver Franz versteht Schröder sich gut.

          Zurück zu ihrem Thema

          Als sie in dem Wiesbadener Vorort Nordenstadt gemeinsam mit Franz und dem Ortsvorsteher Rainer Pfeifer (CDU) eine Notunterkunft für Flüchtlinge besucht, greift sie eine Äußerung Merkels auf. „Unsere Bundeskanzlerin hat sicherlich recht: Das Asylrecht kennt keine Obergrenze“, stellt sie fest. Aber dann folgt die wesentliche Einschränkung, dass es für die Zahl der Menschen, die in Deutschland integriert werden könnten, sehr wohl eine Obergrenze gebe.

          So macht Schröder nicht nur von der zurückgewonnenen Freiheit Gebrauch, Maßgaben ihrer Regierungschefin nach ihrem Gusto zurechtzurücken. Sie ist auch wieder bei dem Thema angelangt, das sie vor mehr als einem Jahrzehnt so entschlossen wie erfolgreich besetzt hat. Die Frage nach der Integration der Flüchtlinge böte ihr die Chance, aus eigener Kraft auf die große bundespolitische Bühne zurückzukehren. Wenn sie es denn will.

          Zur Person Kristina Schröder wurde 1977 in Wiesbaden geboren. Als Vierzehnjährige trat sie der Jungen Union bei. An der Universität Mainz studierte sie Soziologie. 2002 erwarb sie ihr Diplom und zog über die Landesliste der hessischen CDU zum ersten Mal in den Bundestag ein. Von 2009 bis 2013 war sie im Kabinett Merkel Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Sie wurde mit einer Dissertation über Gerechtigkeit und Gleichheit promoviert. 2010 heiratete sie den Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Ole Schröder. Mit ihm hat sie zwei Kinder. Als direkt gewählte Abgeordnete des Wahlkreises Wiesbaden gehört sie dem Bundestag in der vierten Wahlperiode an. htr.

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