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Kriminologin zu Übergriffen : „Frankfurt nicht mit Köln vergleichen“

  • -Aktualisiert am

Ort des Geschehens in Frankfurt: Viele der Frauen berichten von Übergriffen am Eisernen Steg in der Silvesternacht. Bild: dpa

Worum ging es den Tätern aus der Silvesternacht? Um Macht, Sex, die Geldbörse? Die Kriminologin Rita Steffes-enn erklärt, warum wir das auch dann nicht wissen werden, wenn wir ihre Namen kennen.

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          Frau Steffes-enn, eine Horde Männer geht auf einem öffentlichen Platz in Köln auf Frauen los. Wie kann so etwas passieren?

          Für einzelne solcher Delikte gibt es verschiedene mögliche Motive, nicht nur sexuelle, sondern auch Macht, Rache oder materielle Bereicherung. Was den Fall in Köln besonders macht, ist die Vielzahl von Übergriffen nach demselben Muster in einer sehr kurzen Zeit, verübt von einer großen Gruppe am selben Ort.

          Auch in Frankfurt sind Frauen belästigt und bestohlen worden. Ist das ein neuer, schlimmer Trend?

          Es gibt auch in der Kriminalität Trends. Aber die Taten aus den anderen Städten kann man nicht mit denen in Köln vergleichen. Allein der Trick, sexuell von einem Diebstahl abzulenken, auch in kleinen Gruppen, ist nichts Neues.

          Die Taten wirkten aber sehr gut geplant.

          Wir wissen noch nicht genug, um zu sagen: Es gibt da ein Netzwerk, das über einen längeren Zeitraum Übergriffe an verschiedenen Orten koordiniert. Die Täter in Köln scheinen aber sehr strategisch gehandelt zu haben. Das kann lange geplant gewesen sein. Es kann aber auch sein, dass sich erst am Silvesterabend eine Gruppe junger Männer entschieden hat, sich so zu bereichern und aus ihrer Sicht zu vergnügen.

          Rita Steffes-enn glaubt nicht, dass die Taten zum Jahreswechsel hauptsächlich sexuell motiviert waren.
          Rita Steffes-enn glaubt nicht, dass die Taten zum Jahreswechsel hauptsächlich sexuell motiviert waren. : Bild: privat

          Glauben Sie denn, dass alle sexuellen Übergriffe Ablenkungsmanöver waren?

          Es kann sein, dass einige Täter hauptsächlich sexuell motiviert waren. Es spricht aber einiges dagegen, dass es bei vielen so war. Warum sollte sich ein solcher Täter, dem vielleicht 30 Wohlgesonnene Schutz bieten, damit begnügen, der Frau in den Schritt zu fassen?

          Weil die Täter die Frauen erniedrigen wollten?

          Das ist etwas anderes. Macht und Erniedrigung muss nichts mit sexuellen Motiven zu tun haben. Aber ob es den Tätern darum gegangen ist, wissen wir nicht. Und wir werden es auch nicht wissen, wenn wir ihre Namen und Herkunft kennen.

          Sie glauben nicht, dass die mutmaßlich migrantischen Wurzeln der Täter etwas mit den Taten zu tun haben?

          Über die Sozialisation entscheidet nicht das Herkunftsland und auch nicht die Religion, sondern wie jemand in seiner Familie geprägt wird. Da geht es zum Beispiel darum, welche Achtung die Frau erfährt, insbesondere, ob es Gewalt gibt oder wie man zu Sexualität steht. Auch in Europa passieren die meisten sexuellen Übergriffe in Familien. Sie werden in keiner empirischen Metaanalyse zu Täter-Risikofaktoren den Faktor kulturelle Herkunft finden.

          Aber wird Frauen in nordafrikanischen Familien nicht traditionell eher weniger Achtung entgegengebracht?

          Aber auch dann ist das höchstens einer von vielen begünstigenden Faktoren. Das hieße dann noch lange nicht, dass die Männer aus solchen Familien sexuell übergriffig werden. Ich habe auch das große Bedürfnis, dass wir den Leuten sagen, wie breit unser Frauenbild ist. Es ist aber eben breit, nicht nur emanzipiert, sondern es gibt auch bei uns traditionelle Frauenrollen. Die Diskussion wird jetzt auf dem Buckel der Opfer ausgetragen. Wenn wir uns schon darüber aufregen, wie „mit unseren deutschen Frauen“ umgegangen wird, warum regen wir uns nicht darüber auf, dass sich wieder einmal alles um die Täter dreht? Bislang hat kein Politiker den mehrfach traumatisierten Opfern unbürokratische Hilfe bei der psychologischen Aufarbeitung des Erlebten zugesichert.

          Rita Steffes-enn ist Kriminologin am Zentrum für Kriminologie und Polizeiforschung in Kaisersesch

          Die Fragen stellte Denise Peikert.

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