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Kriminalität in Frankfurt : Opfer ein ganzes Leben lang

Teure Sicherheit: Wenn Menschen zu Straftätern werden, entstehen oft hohe Kosten für die Gesellschaft. Bild: dpa

Die Folgekosten von Straftaten können immens sein. Derzeit beraten Experten auf einer Tagung darüber, wie sie sich genauer beziffern lassen. Nützliche Ansätze gibt es auch in Frankfurt.

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          Angefangen hatte es mit ein paar Erbsen, abgefeuert aus Softair-Waffen. Damals ahnten die Anwohner des Frankfurter Bogens in Preungesheim schon, woher die Angriffe kamen. Als kurze Zeit später die Bibliotheksfassade am Neubau der Carlo-Mierendorff-Schule beschädigt wurde und Unbekannte auf dem Schulhof zündelten, fühlten sie sich in ihrem Vorurteil bestätigt. Jugendliche „von der anderen Seite“ müssen es gewesen sein, lautete die einhellige Meinung. Die andere Seite, das war damals die Karl-Kirchner-Siedlung. Als schließlich die Gewalttaten auf dem Schulhof massiver wurden und sich der Verdacht bestätigte, griff die Schulleitung ein und richtete mit der Polizei einen Runden Tisch ein. Danach herrschte Frieden.

          Katharina Iskandar
          Verantwortliche Redakteurin für das Ressort „Rhein-Main“ der Sonntagszeitung.

          Das war vor zwei Jahren. Und wenn sich Schulleiterin Mechthild Wagenhoff und der für Kriminalprävention zuständige Beamte im Polizeipräsidium, Frank Weber, an die Anfänge ihrer Zusammenarbeit erinnern, können sie kaum glauben, dass es tatsächlich gelungen ist, die Gewalt einzudämmen. Das Projekt, das Studenten der Goethe-Universität wissenschaftlich begleitet haben, gilt inzwischen als Vorzeigemodell. Auf dem Deutschen Präventionstag, der diesmal im Congresszentrum an der Messe tagt, sind es Projekte wie dieses, die zeigen sollen, dass sich Prävention lohnt. In diesem Jahr steht die wohl europaweit größte Konferenz zur Kriminalvorbeugung unter dem Motto „Prävention rechnet sich – Zur Ökonomie der Kriminalprävention“.

          Folgekosten von Straftaten wenig beachtet

          Das Thema brauchte einige Zeit, um im Kreis der Experten anzukommen. Wie die Organisatoren gestern anmerkten, waren die Vorbehalte dagegen, Kriminalprävention unter dem Kosten-Nutzen-Aspekt zu sehen, groß. Inzwischen sind sie überzeugt davon, dass Deutschland eine solche Evaluation braucht.

          Eine erste wissenschaftliche Studie gibt es schon. Stephan Thomsen vom niedersächsischen Institut für Wirtschaftsforschung hat sich in einem Gutachten mit der Frage befasst, was Prävention bringt und wie sich außer dem wirtschaftlichen Schaden, der etwa bei Diebstählen entsteht, auch der immaterielle Schaden messen lässt. Also das, was bisher in keiner gesammelten Statistik erfasst wird: Folgekosten durch psychologische Betreuung, langjährige medizinische Behandlungen, Auswirkungen auf die Familien, in einigen Fällen Wechsel von Wohnorten oder Arbeitsplatzverlust. Die Liste möglicher Folgen, die Kriminalitätsopfer nach Ansicht von Experten gar nicht so selten ereilen, ist lang. Manchmal belasten sie die Opfer ihr ganzes Leben.

          Immenser Schaden durch Stalking

          Laut Thomsen haben Untersuchungen in Amerika gezeigt, dass die Folgekosten bei Kriminalitätsopfern dort eine dreistellige Milliardenhöhe erreichen. Eine Diskussion über die wirtschaftliche Dimension müsse auch in Deutschland dringend beginnen, so der Ökonom.

          Die Bereitschaft dafür ist in Hessen zumindest gedanklich schon vorhanden. Nach den Worten von Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) wäre man „einen guten Schritt weiter“, wenn sich die Investition in Prävention auch in Zahlen messen ließe. So entstehe allein durch Stalking ein immenser Schaden. Dasselbe gelte erst recht für sexuellen Missbrauch und häusliche Gewalt, aber auch für die Internet-Kriminalität. „Dieser Bereich wird uns noch mehr beschäftigen, als wir glauben.“

          Einige konkrete Entwicklungen zur Messbarkeit von Kriminalprävention gebe es aber schon. So sei die Jugendkriminalität in Hessen in den vergangenen Jahren um 30 Prozent zurückgegangen, nach Ansicht Kühne-Hörmanns auch deshalb, weil sich das Land auf jugendliche Delinquenten konzentriert habe. „Das ist ein riesiger Erfolg.“ Sicherheitsdezernent Markus Frank (CDU) hob hervor, dass die Sorge, in Frankfurt Opfer einer Straftat zu werden, in den vergangenen 20Jahren massiv zurückgegangen sei; auch wegen der Arbeit des Präventionsrats, der lokal angesiedelt sei.

          Vorbeugung von Radikalisierung

          Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), der den Kongress eröffnete, bezeichnete Kriminalität „als Abbild gesellschaftlicher Verhältnisse“. Es sei eine „Kernaufgabe der Gesellschaft, zu verhindern, dass Unschuldige Opfer werden“.

          Ein weiteres Thema der Tagung ist die Vorbeugung von Radikalisierung. Das hessische Innenministerium zeigt unter anderem eine Ausstellung zum Rechtsextremismus. 370 Fälle seien seit 2007 im „Beratungsnetzwerk Hessen“ bearbeitet worden. Nach den Worten von Innenminister Peter Beuth (CDU) haben sich in jüngster Zeit vor allem Bürgermeister aus Kommunen an das Netzwerk gewandt, die Flüchtlinge aufnehmen.

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