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Krankmeldung vor der Prüfung : Ankreuzen, wenn es weh tut

  • -Aktualisiert am

Kopfsache: Wer krank ist und deshalb an einer Prüfung nicht teilnehmen kann, muss das etwa in Mainz der Uni plausibel machen Bild: dpa

Die Technische Universität Darmstadt hat nach Protesten von Studenten ein Krankmelde-Formular zurückgezogen. Vor vier Jahren gab es in Kiel eine ähnliche Diskussion. Wie es besser geht, zeigt die Universität Gießen.

          Am Anfang bekam Stephan Voeth von der Aufregung gar nichts mit. Der Referent im AStA der Technischen Universität Darmstadt erfuhr von der Wut seiner Kommilitonen erst über Facebook. Dort beschwerten sich viele TU-Studenten über die geplante Neuregelung der Uni für die Krankmeldung vor einer Prüfung. Die Verwaltung hatte in einer E-Mail mitgeteilt, dass es dafür nun ein einheitliches Formular gebe. Künftig sollten die Studenten dem behandelnden Arzt ein Papier vorlegen, das nicht nur bescheinigt, dass der Student wegen einer Krankheit nicht geprüft werden kann, sondern auf dem auch Symptome anzugeben sind. Fieber, Schmerzen oder Bettlägrigkeit - der Doktor sollte ankreuzen, was zutrifft. Hierzu sollte er von seiner Schweigepflicht entbunden werden. Damit seien die Studenten unter den „Generalverdacht“ gestellt worden, Simulanten zu sein, meint Voeth.

          Innerhalb weniger Stunden breitete sich die Empörung aus. Studentenvertreter sprachen mit der Uni-Leitung, am nächsten Tag schon zog die TU Darmstadt das Formular zurück. „Wir haben einen Fehler gemacht“, sagt ihr Sprecher. Der Vordruck sei zwar juristisch korrekt gewesen, man habe aber nicht sensibel genug kommuniziert.

          Arzt und Schweigepflicht

          Mit einem Blick auf andere Hochschulen hätte sich die TU die ganze Aufregung vielleicht ersparen können. Denn der Darmstädter Fall ist nicht der erste dieser Art. Vor gut vier Jahren gab es zum Beispiel an der Uni Kiel eine ähnliche Diskussion. Auch dort wurde ein Formular veröffentlicht, mit dem die Studenten ihren Arzt von der Schweigepflicht entbinden sollten. Außerdem sollten auf dem Vordruck, ähnlich wie in Darmstadt, die Symptome der Krankheit und deren voraussichtliche Dauer angegeben werden. Doch auch in Kiel lenkte die Uni nach Protesten der Studenten ein. Inzwischen gibt es dort zwar ein einheitliches Attest für die Bachelor- und Masterstudiengänge, Symptome werden darauf aber nicht abgefragt.

          Dass sich die TU Darmstadt überhaupt ein solches Formular ausgedacht hat, erklärt ihr Sprecher mit dem Wunsch nach einer einheitlichen Regelung. Die Organisation von Prüfungen, das Buchen von Räumen, aber auch die Vergleichbarkeit zwischen den verschiedenen Fachbereichen der Hochschule machten das nötig. Bisher hätten die Prüfungsämter der Uni unterschiedliche Atteste oder Krankenscheine akzeptiert. Das habe Prüfer und Studenten verunsichert. „Wir wollten mit dem Formular Rechtssicherheit.“

          Auch damit steht die TU nicht allein. Viele Prüfungsämter an Hochschulen klagen darüber, dass es für Krankmeldungen keine einheitlichen Regeln gebe. Doch nicht alle Lösungsvorschläge sorgen für so viel Aufregung wie die in Darmstadt und Kiel. Ein mögliches Vorbild für die nun zu findende Regelung in Darmstadt findet sich an der Uni Gießen. Dort gibt es einen Vordruck, den alle Studenten, die sich vor einer Prüfung krankmelden wollen, ihrem Arzt vorzulegen haben.

          Keine Symptome ankreuzen

          Auf dem Formular, das von der Internetseite des Prüfungsamtes heruntergeladen und ausgedruckt werden kann, muss der Arzt keine Symptome ankreuzen. Durch seine Unterschrift wird er auch nicht von der Schweigepflicht entbunden. Er bestätigt lediglich, dass die Symptome „weder mittelbar noch unmittelbar“ durch die Prüfungssituation ausgelöst worden seien. Auf dieser Versicherung besteht die Hochschule allerdings: Ein gewöhnliches ärztliches Attest erkennt sie nicht an. Was überhaupt eine Prüfung ist, hat die Uni Gießen ebenfalls klargestellt. Demnach fallen nahezu alle benoteten Leistungsnachweise von Studenten unter diesen Begriff: schriftliche wie mündliche Prüfungen, aber auch Hausarbeiten und andere Prüfungsformen wie sportliche, künstlerische und musikalische Prüfungen.

          Mit dieser einheitlichen Regelung bildet die Justus-Liebig-Universität in der Region eine Ausnahme. An der Universität Mainz zum Beispiel bieten die verschiedenen Fachbereiche unterschiedliche Bescheinigungen zur Vorlage beim Arzt an. Das Formular des Fachbereichs Philosophie und Philologie etwa gibt sich mit einer einfachen Bestätigung der Prüfungsunfähigkeit zufrieden, während der Fachbereich Sozialwissenschaften, Medien und Sport auf seiner Attest-Vorlage ähnlich wie in Darmstadt zunächst geplant eine „kurze Beschreibung der Symptome“ verlangt. Auch in Frankfurt bieten Universität und Fachhochschule ihren Studenten kein einheitliches Dokument an, das sie dem Arzt zu Abmeldung bei einer Prüfung vorlegen können.

          TUD bastelt noch an Lösung

          In Darmstadt ist eine Gesamtlösung nach den Worten des Uni-Sprechers weiterhin das Ziel. Um es zu erreichen, will die TU einen neuen Weg gehen. Wurde der gescheiterte erste Entwurf noch auf informellem Weg ohne Abstimmung in einem gewählten Gremium erstellt, soll über die neue Regelung im Sommer der Ausschuss für Lehre entscheiden. Ihm gehören auch Vertreter der Studenten an.

          Wie die künftigen Bestimmungen aussehen könnten, lasse sich noch nicht abschätzen, so der Sprecher. Es müsse sich bei der künftigen Lösung auch nicht um ein Formular zur Vorlage beim Arzt handeln. Wenn man sich allerdings doch für einen Vordruck entscheide, werde es darauf wohl kaum Symptome zum Ankreuzen geben. „Da wären wir wirklich sehr schlecht beraten.“

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