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Autorin Nora Bossong : So ist das Leben

Nicht nur Romane: Nora Bossong schreibt auch Gedichte, Essays und Reportagen. Bild: Julia Zimmermann

Kein Schutz, nirgends: Den Kranichsteiner Literaturpreis erhält die Autorin Nora Bossong nicht nur für ihr jüngstes Buch „Schutzzone“, sondern für ihr gesamtes Werk. Die Jury lobt ihr vielseitiges Talent und die Verknüpfung mit literarischen Fragen.

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          Manche Romantitel sagen umstandslos die Wahrheit, andere gehen die Sache wie ein Schuss von hinten durch die Brust ins Auge an. „Schutzzone“ gehört zur zweiten Kategorie. Anfang September ist Nora Bossongs fünfter Roman herausgekommen, er erzählt von Mira, einer Mitarbeiterin der Vereinten Nationen in Genf, die ohnehin an ihrer Tätigkeit zweifelt und sich inmitten persönlicher Probleme plötzlich auch noch mit einem lange zurückliegenden afrikanischen Völkermord beschäftigen muss. Wenn es den Vereinten Nationen in ihrer Geschichte immer wieder um die Einrichtung mal mehr, mal weniger nützlicher Schutzzonen gegangen ist, wird schnell klar, dass Bossong Mira keinerlei Schutz gewährt. Dort, wo sich alles entscheidet, im einzelnen Menschen, kommt alles ans Licht: Wünsche, Versäumnisse, Verantwortung und der Versuch, zur Wahrheit vorzudringen, auch wenn der Blick jedes Einzelnen immer getrübt ist. Und lange zurück schon gar nichts liegt. Für die „Virtuosität und literarische Klugheit“, mit der das beschrieben wird, überreicht der Deutsche Literaturfonds Bossong morgen in Darmstadt den mit 30.000 Euro dotierten Kranichsteiner Literaturpreis.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bossong, die Romane, Gedichte, Essays und Reportagen schreibt, sei in allen ihren Genres eindrucksvoll zu Hause, heißt es in der Begründung der Jury, der in diesem Jahr die Kritiker Bettina Fischer, Manuela Reichart und Wilfried Schoeller angehören. In „Schutzzone“ gehe es nicht nur um das „Zögern in vielen Abstufungen“, das Miras Leben bestimme: „Vor allem dreht sich hier alles um eine grundsätzliche literarische Frage: Sucht man sich ein Leben aus? Oder lebt man es nicht eher?“

          Förderpreise und Stipendien

          Die 1982 in Bremen geborene Autorin wird aber nicht nur für ihr jüngstes Buch, sondern für ihr gesamtes Werk geehrt, zu dem die Gedichtbände „Reglose Jagd“, „Sommer vor den Mauern“ und „Kreuzzug mit Hund“ ebenso gehören wie die literarische Reportage „Rotlicht“. Bossong debütierte 2006 mit dem Roman „Gegend“ und veröffentlichte zunächst in der Frankfurter Verlagsanstalt sowie anschließend bei Hanser in München. Seit dem vorigen Jahr erscheinen ihre Titel bei Suhrkamp in Berlin, wo sie lebt.

          Überreicht werden rund um ihre Ehrung auch das New-York-Stipendium des Literaturfonds, das der Schriftsteller Jan Brandt erhält, und das London-Stipendium, das an Norbert Zähringer geht. Wer den mit 5000 Euro dotierten Förderpreis erhält, entscheidet die Jury nach einer Wettbewerbslesung zwischen Helene Bukowski, Karoline Menge und Katharina Mevissen am Freitag, dem 6. Dezember, von 11.30 Uhr an in der Darmstädter Eleonorenschule. Auch diese Veranstaltung ist, wie die abendliche Übergabe sämtlicher Auszeichnungen, öffentlich, auch hier ist der Eintritt frei.

          Vergeben wird der Kranichsteiner Literaturpreis seit 1983. Drei Jahre zuvor war der bis heute in Darmstadt ansässige Literaturfonds als Verein gegründet worden. Zu seinen Mitgliedern zählen neben dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung der Deutsche Bibliotheksverband, der Freie Deutsche Autorenverband, der Verband deutscher Schriftsteller, das Pen-Zentrum Deutschland und die Verwertungsgesellschaft Wort. Mit Mitteln aus dem Etat von Kulturstaatsministerin Monika Grütters unterstützt der Fonds Schriftsteller jährlich mit zwei Millionen Euro.

          KRANICHSTEINER LITERATURPREIS

          6. Dezember, 19 Uhr, Theater Moller Haus, Sandstraße 10, Darmstadt

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