https://www.faz.net/-gzg-9nix7

Staatstheater Darmstadt : Fürchtet euch nicht

So ist das hier im Block: Im Finale zeigt das Ensemble eine Choreographie vor der Kranichsteiner Hochhauskulisse. Bild: Nils Heck

Darmstadts Hochhaussiedlung hat keinen guten Ruf. Warum, fragt das Staatstheater mit „Kranichstein represent“. Das Stück zeigt, wie ein Projekt einen Stadtteil vereint.

          Tiefe Bässe wummern aus der Garage am Fuß einer riesigen Platte. Hinunterzusteigen erfordert schon etwas Mut. Die Boxen, aus denen die Musik dröhnt, sind letzte Woche mal geklaut worden, murmelt eine Besucherin ihrer Freundin zu. Kein gutes Pflaster. Zum Glück ist da der nette Guide vom Staatstheater Darmstadt, der den Weg weist zu den vier Jugendlichen, die im Halbdunkel zwischen den leeren Parktaschen tanzen.

          Wer von Kranichstein gehört hat, kennt es entweder als Trabantenstadt von Ernst May im Norden Darmstadts oder als Stadtteil, in dem es 2015 zu einem Ehrenmord kam. Fest steht: Das Viertel hat einen schlechten Ruf. Warum eigentlich? Dieser Frage geht „Kranichstein represent (Deutschland braucht das)“ von Volker Schmidt mit einem Ensemble aus Kranichsteiner Jugendlichen, Senioren und vier Schauspielern vom Staatstheater nach. In drei Gruppen spazieren die Besucher mit je einem Begleiter durch Kranichstein, treffen dabei auf knapp 20 Darsteller und verschiedene Geschichten, die in einem Dreivierteljahr Recherche aus dem Stadtteil heraus entstanden sind. Choreographie, Intensität und Timing der Darsteller, gerade der Jugendlichen aus dem Stadtteil, sind beeindruckend.

          Ist Kranichstein ein Getto, weil es voller Hochhäuser ist? „Die hat man gebaut, um die Asozialen zu bunkern“, erklärt ein junger Mann, der kurz zuvor auf ein „Ich wohn im Passivhaus!“ mit „Und ich im passiv-aggressiv-Haus“ gekontert hat. Das Stück präsentiert mit der Rolle des „Architekten“ (Mathias Znidarec) die Ideen von Ernst May, der dachte, mit hohen baugleichen Häusern einen Geniestreich in Sachen günstiges Wohnen für viele zu landen, zeigt aber auch die sozialen Probleme, die daraus entstanden. Es erzählt die Geschichte des Ehrenmords, zitiert den Rapper Olexesh, der aus Kranichstein kommt und es als Drogen- und Gewaltmoloch charakterisiert, und erinnert an die Zeit, in der in dem Gebiet noch Wildschweine gejagt wurden. Das ist manchmal wunderbar komisch und dann traurig. Mit Szenen, Gesang und Tanz gibt das Ensemble immer wieder Antworten auf die Frage, was einen Stadtteil zu dem macht, was er ist.

          „Arroganz ist kein Schicksal“

          Zum Beispiel das „Bionade-Getto, wo die Bonzen von Kranichstein wohnen“. Hinter einer wilden Wiese, abseits der Achtzehngeschosser, erstreckt sich nämlich eine Neubausiedlung, die aussieht, als sei sie als Kontrapunkt eigens für das Stück ausgestattet worden. In den kleinen Vorgärten stehen Schaf-Skulpturen, Holzfassaden und bunte Markisen schmücken die modernen Flachbauten. Die vierzehnjährige Noé Queirard, eine der jüngsten Laienschauspielerinnen, liefert sich in einem dieser schicken Häuser ein hitziges Wortgefecht mit ihrer „Mutter“ (Yana Robin la Baume), die zwischen Yoga und Biobrause verächtlich auf die Bewohner der Platte schaut. „Arroganz ist kein Schicksal!“, ruft das Mädchen. Sie will nicht, dass ihr Viertel in den Dreck gezogen wird, auch wenn es Probleme gibt. Die anderen, die aus den Hochhäusern, das sind ihre Freunde. Das „represent“ im Titel des theatralen Spaziergangs spielt genau auf das an: den eigenen Wurzeln treu bleiben, nicht abheben. Ihr Spiel ist eindringlich und bewegend. „Wider die Angst vor dem Unbekannten“ könnte das Motto des ganzen Spaziergangs durch das Problemviertel sein.

          Die Szene berührt, so wie fast jede. Denn das ganze Stück zeigt, wie ein Projekt einen Stadtteil zusammenbringt. Sascha Rühl, Polizist in Kranichstein, macht ebenso mit wie die Senioren, die gegen Ende des Stückes ihre wahren Geschichten erzählen, über Verlust, Krankheit, Freunde, das Leben im Hochhaus, als es noch so gut wie keine Infrastruktur gab. Überhaupt stammt vieles, was in der Performance gezeigt wird, aus dem echten Leben der Ensemblemitglieder. Regisseur Volker Schmidt hat die Geschichtenschnipsel jedoch meisterhaft arrangiert. So entsteht ein sehr vielfältiges Bild, vor dem man sich gar nicht fürchten kann, weil es so schön ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gletscher Okjökull : Das Eis verlässt Island

          Die Gletscherschmelze ist ein eindrückliches Merkmal der Klimaerwärmung: Der einstige Gletscher Okjökull auf Island ist heute keiner mehr. Die isländische Ministerpräsidentin appelliert an die Weltgemeinschaft.
          Finanzminister Olaf Scholz hat sich gegen das von Wirtschaftsminister Peter Altmaier vorgelegte Konzept zur vollständigen Abschaffung des Solis ausgesprochen.

          Finanzminister : Scholz gegen komplette Soli-Abschaffung

          Finanzminister Olaf Scholz kritisiert das von Wirtschaftsminister Altmaier vorgelegte Konzept zur vollständigen Soli-Abschaffung als „Steuersenkung für Millionäre“. Der SPD-Politiker möchte vorerst nur 90 Prozent der Steuerzahler entlasten.
          Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, warnt die Parteien davor, eine Koalition mit der AfD einzugehen.

          Zentralrat der Juden : „AfD schürt Klima auch gegen Juden“

          Zentralratspräsident Josef Schuster warnt: Die AfD sei enger mit dem Rechtsextremismus verwoben, als sie es nach außen darstellt. Im Vorfeld der Wahlen in Sachsen und Brandenburg hält Schuster einen dringlichen Appell an alle Parteien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.