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Kraftwerk : Netzagentur beharrt auf Staudinger1

Soll weiter laufen: das Kraftwerk Staudinger. Bild: dpa

Die Bonner Behörde sagt, dass das neue Gaskraftwerk in Darmstadt die im Falle eines Abschaltens von Staudinger 1 entstehende Lücke im Rhein-Main-Gebiet nicht schließen kann.

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          Die Bundesnetzagentur hat darauf hingewiesen, dass das von dem Darmstädter Energieversorger HSE ins Gespräch gebrachte Gaskraftwerk nicht leistungsfähig genug ist, um die Versorgungslücke im Rhein-Main-Gebiet in den nächsten Wintern zu schließen. Die Bonner Behörde beharrt vielmehr darauf, das mit Kohle befeuerte Kraftwerk Staudinger1 in Großkrotzenburg wieder so instandzusetzen, dass es an kalten Wintertagen, an denen Wind- und Solarstrom nicht in zureichender Menge zur Verfügung stehen, wieder arbeiten kann. Die Anlage war erst im April stillgelegt worden. Die hessische Umweltministerin Lucia Puttrich (CDU) hat in der vergangenen Woche zugesagt, eine solche Wiederinbetriebnahme für Notfälle zu prüfen.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Das Angebot der HSE, in solchen speziellen Wetterlagen könne anstelle von Staudinger1 das soeben fertiggestellte Gas-Kraftwerk des Konzerns in Darmstadt hochgefahren werden, stellt aus Sicht der Bundesnetzagentur hingegen keine Hilfe dar. Die Behörde verweist darauf, dass der Kraftwerksblock in Großkrotzenburg eine Leistung von 250Megawatt habe, das Kraftwerk in Darmstadt jedoch nur 96 Megawatt leiste. „Vielmehr besteht in der Region ein bedeutendes strukturelles Defizit an Kraftwerksleistung mit entsprechend großen Risiken für die Versorgungssicherheit“, heißt es in einer Stellungnahme der Bundesnetzagentur. „Dies wird sich erst dann ändern, wenn Neubaukraftwerke mit erheblicher Leistung in Betrieb gehen, und der Netzausbau weiter vorangeschritten ist.“

          Gaskraftwerke scheinen derzeit überflüssig

          Die Behörde zeigt sich zudem von einer Äußerung der neuen HSE-Vorstandsvorsitzenden Marie-Luise Wolff erstaunt. In dem Schreiben, in dem sie das neue Gaskraftwerk ihres Unternehmens ins Spiel bringt, weist sie zugleich darauf hin, dass es, sofern es in den nächsten Wintern nicht als Reserve genutzt werden kann, bald „konserviert“ werde, also eingemottet. „Von der in dem Schreiben des HSE-Vorstands angekündigten Absicht, das neue Kraftwerk bereits 2014 wieder vom Markt zu nehmen, war uns nichts bekannt“, heißt es bei der Netzagentur.

          Die HSE hatte das Gaskraftwerk für 55 Millionen Euro in der Annahme errichtet, solche leicht anzufahrenden Anlagen würden im Zeitalter der Energiewende benötigt, weil sie einspringen könnten, wenn kurzfristig kein Wind wehe. Tatsächlich hat sich der Markt durch den schnellen Aufbau der Kapazitäten erneuerbarer Energien so entwickelt, dass Gaskraftwerke jedenfalls im Moment geradezu überflüssig scheinen. Die Anlage in Darmstadt hat nach HSE-Angaben kaum je Strom produziert, stattdessen laufen unter anderem die Braunkohlekraftwerke am Niederrhein auf Hochtouren.

          Lage in späteren Wintern noch angespannter

          Die Bundesnetzagentur weist seit längerem darauf hin, dass die Stromversorgung von Süddeutschland im Allgemeinen und des Rhein-Main-Gebiets im Besonderen gefährdet sei. Zuspitzen werde sich die Lage, wenn voraussichtlich 2015 das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld abgeschaltet werde. Die Anlage liegt südlich von Schweinfurt, zählt also im weiteren Sinne zu denjenigen Kraftwerken, die das Rhein-Main-Gebiet versorgen.

          Umgekehrt bedeutet die Argumentation der Bundesnetzagentur, dass die Lage in der Region im bevorstehenden Winter noch nicht ganz so angespannt ist wie in den folgenden Wintern. Auch die Behörde erwartet ohnedies nicht mehr, dass Staudinger 1 noch in diesem Herbst wieder in Betrieb gehen kann. Vom Eigentümer, dem Düsseldorfer Energiekonzern Eon, hieß es jedenfalls gestern, man habe die Demontage der Anlagen in Großkrotzenburg eingestellt.

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