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„Krabat“ in Mainz : Das Böse unter uns

Schreck in der Mühle: Krabat kämpft sich frei von seinem Meister. Bild: Andreas Etter

Ein Jugendbuchklassiker aber nicht nur ein Buch bloß für Kinder: Markolf Naujoks zeigt in Mainz „Krabat“ nach Otfried Preußler als Parabel auf rechtsextreme Ideologie.

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          Sie schwenken ihre schwarzen Fahnen und rücken bedrohlich nah ins Parkett vor. Wenn sie davon erzählen, wie sie in den Kneipen der Region Angst und Schrecken verbreiten, dann ist schon klar: Diese Jungs bleiben nicht nur bei ihrem Meister, weil es da zu essen gibt. Es geht um Macht und Gewalt, an denen sie sich berauschen können. Auch wenn sie die meiste Zeit selbst vor dem Meister kuschen müssen.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist ausgesprochen düster in diesem „Krabat“ nach dem 1971 erschienenen Jugendbuchklassiker von Otfried Preußler, der jetzt als Stück für alle von ungefähr elf Jahren an im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz zu sehen ist. Genau, wie Preußler einst sagte: Keine Geschichte nur für Kinder, auch nicht nur für Erwachsene sei sein „Krabat“. Schwarz sind die Schneeflocken, die zu Beginn und am Ende fallen. Düster ist die Geschichte von Krabat, dem bettelnden Waisenjungen, der zum Müller bei Schwarzkollm als Lehrling geht. Und bald feststellt, dass es da mehr zu lernen gilt als das Müllern.

          Markolf Naujoks, Musiker, Autor und Regisseur nicht nur für junges Publikum, erzählt atmosphärisch dicht und packend, mit selbstkomponierter Musik, die von der Kantorka (Kristina Gorjanowa), Krabats späterer Geliebten und Retterin, sowie den anderen live gespielt und gesungen wird. Ein Märchen von dunklen Mächten und der Kraft der Liebe. Gleichzeitig erzählt die Inszenierung davon, wie leicht man Ideologien auf den Leim gehen kann.

          Eiskalt kalkulierte Gewalt

          Krabat ist, symbolhaft, der einzige Langhaarige unter den kurzgeschorenen Mühlknappen. An den Füßen tragen sie Arbeitsschuhe, die an Springerstiefel erinnern, die grauen Anzüge mit den hochgekrempelten Hosenbeinen sehen nach rechtem Drill aus, und die Mehlsäcke sind Boxsäcke, an denen ihr durchtrainierter Meister ihnen zeigt, wie es geht. Tritt er zu, spürt man unweigerlich den Körper eines wehrlosen Opfers anstelle des Boxsacks (Bühne, Kostüme und Videos Marina Stefan und Theda Schoppe, Licht Dieter Wutzke).

          Eiskalt kalkulierte Gewalt mit rohen Ausbrüchen ist aber nicht die einzige Kompetenz des Meisters. Er beherrscht die schwarze Magie, und in ihr unterweist er seine Lehrlinge. Rüdiger Hauffe mit einer weißgefärbten Pupille ist als rechtsextremer Meister so unheimlich und perfide kalkuliert, dass es einem schlecht werden könnte. Für Krabat und seine Mitgesellen Tonda, Lischko und Juro, in ihren unterschiedlichen Charakteren griffig gespielt von Lisa Eder, Leoni Schulz und Mark Ortel, geht die Figur des Meisters bestens auf, gerade in kleinen Szenen wie jener, in der er die Minderjährigen zum Alkohol verführt, weil er sich selbst berauschen will.

          Krabat ist bei Julian von Hansemann wie ein Jugendlicher von heute, er redet bisweilen mit dem Publikum, seine etwas chillige Haltung bewahrt ihn davor, in Fallen zu tappen, die der Meister auslegt. Langsam begreift er. Und will aussteigen, aus Ehre, Treue, Kameradschaft.

          Missbrauch und Machtrausch

          Die Tür, „Krabat“ als Parabel auf Ideologisierung, Machtrausch und Missbrauch zu lesen, steht sperrangelweit offen. Preußler selbst hatte seinen Roman als Versuch bezeichnet, die Verführung seiner Generation zu zeigen. Das wird im Mainzer Programmheft nicht direkt zitiert, wohl aber ein vier Jahre alter Artikel über einen Hitlerjugend-Roman aus der Feder des jungen Preußler, der gleich nach dem Abitur 1942 zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Das ist ein wenig raunend und hilft der Einordnung des „Krabat“ kaum.

          Unbehaglicher machen die zweisprachigen Passagen der Aufführung, die sich auf die sorbische Herkunft der Sage beziehen. Die sorbischen Einsprengsel in Naujoks’ eingängigen Liedern und Dialogen erzeugen viel Atmosphäre. Aber in einem deutschsprachigen Stück, dessen Folie auch aktuell gemeinte rechte Radikalisierung ist, wirkt es fehl am Platz, die Sprüche aus dem schwarzen Buch des rechten Meisters auf Sorbisch zu zitieren. Hat doch die sorbische Minderheit in der Lausitz genug mit Unterdrückung zu tun gehabt und neuerdings wieder mit der Bedrohung von ganz weit rechts.

          Gute zweieinviertel Stunden dauert es, bis Krabat von seiner Kantorka gerettet wird, das ist auch für jugendliches Sitzfleisch etwas viel. Der abrupte Schlusssatz hingegen setzt auf das Essentielle, auch wenn er sehr viel leiser erklingt als vieles davor. Erkannt hat Kantorka ihren Krabat daran, dass er Angst hatte – um sie. Ein zutiefst humanes Ende. Mit den Fragen geht man nach Hause. Wo geht denn all das Böse hin, das da in die Welt gelangte?

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