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„Krabat“ Staatstheater Mainz : Raus aus dem System

Rüdiger Hauffe in der Rolle des Meisters und Julian von Hansemann (r.) in der Hauptrolle des Krabat Bild: Andreas Etter

Das Staatstheater Mainz taucht in die Welt von Otfried Preußlers „Krabat“ ein und bietet dabei ein Stück für Klein und Groß. Es geht um Macht und Verführung, Gut und Böse – und wie sich dazwischen richtig entscheiden lässt.

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          Als der Schriftsteller Otfried Preußler (1923–2013), der jahrelang mit dem Stoff gerungen, an ihm gefeilt und geschliffen hatte, sich mit „Krabat“ beschäftigt hat, da konnte er nur mit Landkarten aus der DDR einigermaßen nachvollziehen, wo das war. Der Koselbruch, Schwarzkollm, die Lausitz, all die Orte, an denen die Sage vom Krabat spielte, lagen hinter der Mauer. Als die dann gefallen war, hat sich herausgestellt, dass alles genau da war und so aussah, wie Preußler es beschrieben hatte.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Preußler ist berühmt für „Die Kleine Hexe“, „Räuber Hotzenplotz“ und „Krabat“, jene 1971 erschienene Erzählung über einen Betteljungen, der bei einem düsteren Müller in die Lehre tritt und sich entscheiden muss, ob er leben, im Guten leben will, oder im Düsteren vielleicht zu Tode kommt wie so viele vor ihm.

          „Krabat“ brachte eine alte Sage, Magie, Religion mit einem Anliegen zusammen, das Preußler, der im Nationalsozialismus aufgewachsen ist, hatte. Es ging ihm auch um Macht und Verführung und darum, dass man herausfinden kann, was richtig und falsch ist – und sich für das Richtige entscheiden.

          Julian von Hansemann spielt in „Krabat“ die Hauptrolle des Betteljungen.

          Am Staatstheater Mainz hat nun der Regisseur und Musiker Markolf Naujoks, der für junges Publikum, aber auch altersübergreifend arbeitet, eine eigene Fassung vom „Krabat“ erstellt und inszeniert. Es ist, nach „Apollo 11“, eine große Produktion für das Kleine Haus, gedacht für Kinder von zehn Jahren an und Erwachsene. „Als wir uns in der Vorbereitung – nun als Erwachsene – mit dem Roman „Krabat“ beschäftigt haben, haben wir uns auch viel daran erinnert, wie wir die Geschichte als Jugendliche erlebt haben“, sagt Dramaturgin und Theaterpädagogin Katrin Maiwald. „Der Fokus unserer Textfassung und der Inszenierung liegt auf Machtkonstellationen und der Frage, von wem sich Krabat verführen lässt.“

          Der Müllermeister wird kein alter Dämon sein wie bei Preußler – eher so dynamisch und verlockend, wie es heutige Anführer sind, die für autoritäre Gruppen werben. Als „absolut autoritär, aber selbst einem noch höheren Mächtigen, dem Gevatter, unterstellt“, beschreibt ihn Maiwald. In der Inszenierung aber, die Preußlers Naturbeschreibungen durch Videoarbeiten spiegeln soll und mit Live-Musik arbeitet, soll es vor allem um die Beziehungen der Gesellen untereinander, die Rangordnung und die Beziehungen zum Meister gehen. Denn es dauert nicht lang, bis Krabat bemerkt, dass Essen und ein Dach über dem Kopf mit dem Tod bezahlt werden müssen.

          Einige Lieder werden auf Sorbisch gesungen

          „Die Kantorka, die die Gegenwelt zur Mühle verkörpert, ist bei uns auf der Bühne als Livemusikerin stets anwesend“, verrät Maiwald. Denn Kantorka, das ist das sorbische Wort für „Vorsängerin“, ist auch bei Preußler die Figur, die singt. „Die sorbische Sprache, die bis heute in der Oberlausitz, wo „Krabat“ spielt, gesprochen und im Roman immer wieder erwähnt wird, benutzen wir, um die Ebene des Zauberns hervorzuheben“, sagt Maiwald. „Also das, was die Gesellen und den Meister miteinander verbindet. Die Kantorka singt einige Lieder ebenfalls auf Sorbisch und trägt diese Sprachebene in die Musik, wo sie nichts Böses mehr hat, sondern Teil der Lebenswelt um die Mühle herum ist.“ Kantorkas Liebe ist es schließlich, die Krabat ermöglicht, sich gegen das System zu wenden. „Was dieses System Mühle für jeden einzelnen von uns sein kann – zum Beispiel Arbeitsplatz oder Schule oder Ideologie – gibt die Inszenierung nicht vor“, so Maiwald.

          Dass die schwarze Magie, die in „Krabat“ Beweggrund des Müllers und Lehrgegenstand der Gesellen ist, andernorts sogar schon zu Rechtsstreitigkeiten geführt hat, weil stark religiöse Eltern verhindern wollten, dass ihr Kind sich die „Krabat“-Verfilmung von 2008 ansieht, weiß Maiwald: Die Inszenierung lege keinen besonderen Fokus auf die schwarze Magie. Das Theater hoffe, auch sehr religiöse Zuschauer könnten das Sinnbild für verführerische – politische – Mächte darin sehen. Krabat muss schließlich am Ende klar sehen und sich entscheiden – mit der Hilfe seiner Liebe und seiner Freunde.

          KRABAT

          Staatstheater Mainz, Premiere am 6. Oktober um 18 Uhr

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