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Konzertalltag : Am liebsten wohl mit der Flasche in den Saal

  • -Aktualisiert am

Große Gesellschaft: Publikum der „Drei jungen Tenöre“ in der Alten Oper Frankfurt. Bild: Lisowski, Philip

Im Konzertalltag der vergangenen 40 Jahre hat sich vieles verändert - nicht alles zum Guten.

          4 Min.

          Ein Konzerterlebnis in einer großen deutschen Stadt vor etwa 45 Jahren: Mehr als 2000 Menschen lauschen konzentriert einem Sinfoniekonzert. Im Saal ist es still, nur wenige gedämpfte Huster sind auszumachen. Eine ältere Dame verlässt aus Angst, ihren Husten nicht länger unterdrücken zu können, dezent den Ort des Geschehens. Das Licht wird nicht völlig heruntergedimmt, denn einige Besucher lesen während der Aufführung eine Partitur mit. Mitgehörte Pausengespräche reflektieren das soeben Gehörte, aber es wird auch die Frage diskutiert, ob die Akustik in der Berliner Philharmonie, im Amsterdamer Concertgebouw oder in der Londoner Royal Festival Hall am besten ist.

          Ein Konzerterlebnis in einer kleinen deutschen Stadt, fast 40 Jahre später: Ein ortsansässiger Musiker pflegt solistische Ambitionen, und da ihn offenbar niemand einlädt, „kauft“ er sich ein unter allgemeiner Unterbeschäftigung leidendes Orchester aus dem deutschen Osten, um sich einmal so richtig präsentieren zu können. Die Sache geht jedoch gründlich schief - unser Mann erweist sich als völlig außerstande, seinen Part auch nur annähernd ordentlich abzuliefern. Mehrfach muss er unterbrechen und neu ansetzen - ein Gipfelpunkt der Peinlichkeit. Nur sollte man nicht das eigentlich Selbstverständliche annehmen: dass dieser durch krasses Unvermögen sich disqualifizierende Musikus sich anschließend in seinem Künstlerzimmer vergräbt und für niemanden zu sprechen ist. Ganz im Gegenteil: Der Herr übt gleichzeitig eine Art künstlerischer Leitungsfunktion aus, ist also gewissermaßen sein eigener Veranstalter, zeigt sich in der Pause vor Gönnern und Nichtkennern Sektglas schwenkend seinem geneigten Publikum und lässt sich einmal so richtig feiern.

          Mehr erzählt als musiziert

          Beide Situationen schildern zwar Extremfälle, doch auch in der Grauzone des dazwischen angesiedelten Konzertalltags haben sich die Gepflogenheiten in den vergangenen vier Jahrzehnten drastisch geändert. Die akustische Qualität eines Konzertsaals ist für viele längst kein Hauptkriterium mehr bei der Entscheidung für einen Konzertbesuch. Musik wird heute, wie ein Virtuose es einmal in liebevoller Übertreibung formulierte, in jeder Scheune angeboten. Diese Veranstaltungen zielen auch nicht mehr auf jene musikbegeisterte Bildungsbürgerschicht, die früher einmal für stabile Abonnementquoten sorgte, vielerorts heute aber so dünn geworden ist, dass sie sich fast im Nichts aufgelöst hat. Heute ist eher Amüsement angesagt; manche Interpreten vermeiden es, ein tragfähiges Programmkonzept zu erarbeiten; sie würfeln Petitessen, Tinnef, Piazzolla und Beethovens Klaviersonate op. 111 kunterbunt durcheinander und verkünden dem Publikum vielleicht noch freudestrahlend, sie wollten mit ihrer Veranstaltung eigentlich vor allem die gerade erschienene CD bewerben.

          Ein Kennzeichen des heutigen Musiklebens ist die Erkenntnis, dass allzu oft mehr erzählt als musiziert wird. Dies betrifft nicht nur immer ungenierter während der Darbietung palavernde Konzertgänger, sondern oft genug die Künstler selbst, die sich offenbar einbilden, begnadete Entertainer zu sein. Schön spielen allein, so scheint es, genügt selbst dann nicht mehr, wenn man Albrecht Mayer heißt und Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker ist. Welche Art Hosen dieser begnadete Virtuose in seiner Jugend getragen hat, möchte zwar vielleicht nicht jeder Musikenthusiast wirklich wissen, aber dennoch: Mayer ist ein Instrumentalist neuen Stils, fast unangenehm kommunikationsfreudig, doch immerhin mit Niveau parlierend. Und es soll sogar Damen geben, die seine Wortbeiträge charmant finden.

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