https://www.faz.net/-gzg-8k95j

Konzert von Patti Smith : Die Revolution macht es sich gemütlich

People Have The Power: Mag Patti Smith auch manchmal nur routiniert ihr Programm absolvieren, so hat die inzwischen 69 Jahre alte Sängerin doch nichts von ihrem Charisma verloren. Bild: Lukas Kreibig

Was wir wollten und was wir wurden: Bei Patti Smiths Auftritt im Palmengarten lässt es sich gut in Erinnerungen schwelgen - und sich fragen: Sind die Fans der Alt-Punkerin verspießert?

          3 Min.

          Die Fans von Patti Smith sind mittlerweile in der Mehrzahl ältere Herrschaften geworden. Ihre einstigen aufmüpfigen Gewohnheiten haben sie weitgehend abgelegt, ihr antiautoritärer bis revolutionärer Gestus hat sich größtenteils verflüchtigt. Während ihrer Sommerurlaube im Süden, die sie nicht mehr wild campend am Strand, sondern in gediegenen Hotels verbringen, haben sie offenbar eine deutsche Grundtugend verinnerlicht: Das vorsorgliche Besetzen eines Liegestuhls durch die Niederlegung eines Handtuchs.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Frankfurter Palmengarten haben die besonders Cleveren unter den Fans frühzeitig vor dem Auftritt ihrer Ikone bei „Summer in the City“ des Künstlerhauses Mousonturm mit Decken, Jacken und Taschen das dortige Sitzmobiliar in Beschlag genommen. Eine Stunde vor Beginn des ausverkauften Konzerts zeigten sich zwar noch nicht besonders viele Besucher im Rund, doch die Bänke vor der Freilichtbühne waren schon allesamt besetzt. Man will schließlich nicht auf der Erde hocken, wenn man 50 Euro für sein Ticket bezahlt hat.

          Sind die Fans der Punk-Königin spießig?

          Obgleich: 50 Euro sind für die Fünfzig- und Sechzigjährigen, die hier das Gros des Publikums stellen, kein Vermögen. So viel kostet das Baguette von Manufactum und der feine Käse inclusive des Rotweins, die manche fürs Picknick mitgebracht haben, locker. Aber man sollte keinesfalls denken, dass die Fans der Punk-Königin völlig verspießert sind. Der Geist der Unangepasstheit zog als kräuselnder Rauch aus dem Joint, den der eine oder andere zur Feier des Tages angesteckt hatte, durch den Palmengarten.

          Am wenigsten gealtert ist die Ikone selbst. Gewiss: Die Haarfarbe von Patti Smith hat sich ins Weißliche gewandelt. Doch ihre Stimme hat ihre alte Magie behalten: Mal grollt sie durch den Palmengarten, mal kiekst sie, mal streichelt sie sanft. Eigentlich ist sie gar keine Punkerin. Zumindest keine Hardcore-Punkerin. Eher eine Rock-Poetin, die ihre Gedichte vorträgt - manchmal im Sprechgesang, manchmal röhrend. Ihr Charisma ist ihr in den vielen Jahren auf der Bühne nicht verlorengegangen, die bald Siebzigjährige muss keine große Show abziehen, um ihre Zuhörer zu fangen.

          Die Punkerin ist Großmutter, die Zuhörer Eltern

          In Ekstase hat Patti Smith das Publikum freilich nicht versetzt, lange nicht einmal ins heftigere Mitwippen. Das liegt gewiss auch an den gereiften Damen und Herren, die ihre einstigen Verehrer inzwischen geworden sind. Manch einer hat gewiss zurückgedacht an die finsteren Tanzschuppen und ausgelassenen Wohngemeinschafts-Partys der siebziger und frühen achtziger Jahre, als er seinen Körper zu den Rhythmen von „Horses“ oder „Easter“ zucken ließ. Und manch eine hat sich vermutlich daran erinnert, dass sie damals feministisches Selbstbewusstsein getankt hat aus der Musik und den Auftritten der Heroine der Frauenbewegung, die Patti Smith damals war. Aber das liegt alles weit zurück.

          Nun ist sie Mutter, Großmutter sogar, und ihre Zuhörer sind Eltern. Zumindest die Sängerin hat den Wechsel ins ernste Fach des Mutterdaseins gut gemeistert. Ihr Sohn Jackson Smith steht heute neben ihr auf der Bühne und spielt hinreißend Gitarre. Hoffentlich findet er neben den Auftritten auch die nötige Zeit, sein Studium der Atomphysik voranzutreiben, mochte man denken. Denn nur Naturwissenschaftler mit einer künstlerischen Ader wie er werden am Ende die nötige Imagination aufbringen, um die dunkle Materie dingfest zu machen.

          Patti Smiths Urteil über die Flüchtlingspolitik

          Man kann nicht bei jedem Auftritt ausflippen. Auch nicht Patti Smith. Sie hat in diesem Sommer einige Auftritte auf Festivals hingelegt. Wahrscheinlich ist sie ein bisschen erschöpft. Jedenfalls hat sie im Palmengarten kaum etwas erzählt und pünktlich nach anderthalb Stunden ihr Konzert beendet. Es roch ein wenig nach Routine. Nicht dass ihr Frankfurt missfallen hätte: Das Schnitzel, dem sie ein Lied widmete, hat ihr geschmeckt. Den Palmengarten fand sie großartig, und die Schwäne dort haben sie so fasziniert, dass sie sich fast verspätet hätte. Folgerichtig fing sie das Konzert auch mit dem Lied „Wing“ an: „I Was a Wing in a Heaven Blue / Soared Over the Ocean.“

          Ja, selbstverständlich zählt Patti Smith zu den Guten. Die Bundeskanzlerin wäre erfreut, würde ihr der Musikerin Lob auf die deutsche Flüchtlingspolitik zu Ohr kommen. Deutschland zeige großartiges Mitgefühl, ließ Patti Smith ihre Fans im Palmengarten wissen. Die hörten es gern, denn auch sie zählen sich gewiss zu den Guten.

          Am Ende waren sie aber ein wenig vergrätzt. Denn nachdem mit dem Hit „Because the Night“ endlich einmal der Funke richtig übergesprungen war und die Zuhörer mittanzten und -sangen, war das Konzert auch schon zu Ende. Gewiss, es gab noch mit „Gloria“ eine tolle Zugabe. Aber nach der obligatorischen Entgegennahme des Applauses und der Verbeugung ließen sich Patti Smith und ihre aus den Gitarristen Tony Shanahan und Jackson Smith sowie aus dem Schlagzeuger Seb Rochford bestehenden Band trotz vieler „Zugabe“-Rufe nicht mehr auf die Bühne bitten. Andere Kult-Musiker der Zuhörer-Generation, nämlich die Rolling Stones, haben es schon immer gewusst: „You Can‘t Always Get What You Want“.

          Weitere Themen

          Börsenglocke zum Geburtstag Video-Seite öffnen

          F.A.Z. wird 70 : Börsenglocke zum Geburtstag

          Nein, die F.A.Z. geht nicht an die Börse. Dass Werner D'Inka, seine Mit-Herausgeber und die Geschäftsführer die Eröffnungsglocke auf dem Frankfurter Parkett läuten durften, war ein Geschenk der Deutschen Börse zum 70. Geburtstag.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.