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Südstaaten-Rock-Konzert : So weit die Füße tragen

Im Proberaum: Norman Bites, Urban Berz, Timmy Rough und Hardy (von links) vor drei Jahren in Geisenheim. Bild: Cornelia Sick

Von der Dorfkneipe im Rheingau nach Miami: Die Band „The New Roses“ spielt am Samstag im Schlachthof Wiesbaden. Die Songs werden allerdings immer noch in der Heimat aufgenommen.

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          Timmy Rough erinnert sich: „Wie oft habe ich mit einem Plastikbecher Bier vor dieser Bühne gestanden und mir vorgestellt, selbst dort oben zu stehen.“ Der Sänger und Songwriter von The New Roses kennt den Wiesbadener Schlachthof schon seit seiner Jugend. Morgen wird Rough, der eigentlich Tim Opitz heißt, den umgekehrten Blickwinkel einnehmen und „sich selbst vor der Bühne stehen sehen“, von oben, in Gedanken. Und die Verbundenheit zum Ort und die Gemeinsamkeiten mit dem Publikum feiern. Die New Roses geben ein Heimspiel. Das ist etwas Besonderes für die vier Rocker aus der Region, auch wenn sie gerade erst von einer kleinen Tournee aus Miami zurückgekehrt sind und das Quartett schon Bühnen und Clubs in halb Europa gerockt hat. „Jede Meile dieses Weges war ein hartes Stück Arbeit“, sagt Rough: „Deshalb freuen wir uns umso mehr über alles, was wir nun erleben dürfen.“

          Als Coverband haben sie im Rheingau angefangen, 2007 im „Hasensprung“ in Winkel, einer Kneipe im Dorf. „Zu Beginn unseres Weges hat uns niemand wirklich zugetraut, dass dieser Weg uns irgendwo hinführen würde“, erinnert sich der Band-Leader: „Nicht mal über die eigenen Stadtgrenzen hinaus.“ Doch Rough, der aus Eltville stammt, und der Schlagzeuger Urban Berz aus Geisenheim sind ihren Weg gegangen. Den Applaus für Songs anderer Bands wollten sie sich nicht lange borgen, sondern eigene Stücke spielen, auch wenn es den Anfang nicht erleichterte.

          Rough musste durchaus Selbstzweifel überwinden, ob er es als Frontmann schaffen würde, auf der Bühne zu bestehen. Hinzu kam die Angst, als Songschreiber zu scheitern. Bald bemerkte er, „dass diese Angst meine Songs und den Rest meiner Ambitionen vergiftete“. Er kam zu dem Schluss, dass nur er selbst einzuschätzen vermochte, ob er sein Potential ausgeschöpft hatte. Klingt einfach, erforderte aber Selbstreflexion. „Ich lebe in vielen Bereichen meines Lebens in direktem Widerspruch zu mir selbst“, sagt er: „Fern- und Heimweh, Be- und Entschleunigung, Gesundheit und Exzess, Ruhm und Abgeschiedenheit.“ Schließlich entschloss er sich, Widersprüche in seinem Leben nicht als Anomalie zu sehen, „sondern nur die Balance zu finden“. Das war der Schlüssel.

          Ein Lebensgefühl von Freiheit und Weite

          Die New Roses, zu denen noch der Bassist Stefan „Hardy“ Kassner und der Gitarrist Norman Bites gehören, der bürgerlich Norman Flauaus heißt, begannen, mit ihrer Musik loszuziehen. In der Region, quer durch Deutschland, im angrenzenden europäischen Ausland, bald auch in Amerika. Sie waren fleißig, diszipliniert, ständig auf Tour, immer bereit, sich zu verausgaben. Und ernteten nach und nach Erfolg. Mit ihrem Southern Rock, hart, direkt und laut, zumeist breitbeinig und bisweilen betont männlich dargeboten, versuchen sie das Lebensgefühl von Freiheit und Weite zu transportieren. Bands wie Aerosmith, Rolling Stones und AC/DC geben sie als Vorbilder an, Aretha Franklin und Sam Cooke bewundert Rough als Sänger.

          Die vierte Platte „Nothing But Wild“ stieg in den Top Ten der deutschen Charts ein, als Vorgruppe der Scorpions und Kiss sind sie diesen Sommer unterwegs gewesen, mit Bands wie ZZ Top und den Toten Hosen haben sie gespielt. „Niemals aufgeben und immer den Song ins Zentrum deiner Motivation stellen“, nennt Rough als Antrieb: „So weit die Füße tragen.“ Dass sie ihre Songs und Videos weiterhin im Taunus und im Rheingau produzieren, sehen sie als Reminiszenz an ihre Heimat. „Wir genießen die Idee, das, was uns als Hindernis prophezeit wurde, in Szene zu setzen.“ Auch das deckt sich mit ihrem Südstaaten-Rock. „Es braucht Abenteuerlust, gute und gescheiterte Liebe, ein gewisses Maß an Exzess und eine Portion Melancholie“, sagt Rough: „Davon hatte ich in meiner Jugend mehr als genug.“ Nicht das schlechteste Rezept für Rock’n’Roll.

          Das Konzert findet am Samstag den 16. November um 20 Uhr im Schlachthof Wiesbaden statt. Am 5. Dezember spielt die Band im Aschaffenburger Colos-Saal.

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