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Klarinettenvirtuose : Kontrollierte Verzückung

  • -Aktualisiert am

Musik mit Leib und Seele: Rolf Kühn im Palmengarten. Bild: Marina Pepaj

Ein stiller Weltstar zu Gast in Frankfurt: Klarinettist Rolf Kühn ist bei Jazz im Palmengarten Musiker und Zeitzeuge zugleich. Er ist einer der wenigen deutschen Musiker, die auch in Amerika erfolgreich waren und trotzdem zurückkehrten.

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          Weltstar ist ein Status mit schnellem Verfallsdatum, zumal im globalen Dorf, zu dem die Erde mittlerweile geschrumpft ist. Andy Warhol, der Vorreiter einer Alles-ist-Kunst-Theorie, meinte vor vielen Jahren schon kühl, in Zukunft werde jeder in seinem Leben eine Viertelstunde lang berühmt sein. Die Big-Brother-Gesellschaft von heute hat ihn darin bestätigt. Im Jazz aber war man sich schon immer der Fragwürdigkeit des Begriffs bewusst. Welcher Jazzmusiker, außer vielleicht Louis Armstrong, hat sich schon über Generationen hinweg ins Gedächtnis der großen Weltöffentlichkeit – von Manhattan bis Tasmanien – eingeschrieben? Im Übrigen galt ein Jazzmusiker immer nur dann als Weltstar, wenn auch Amerika ihn als solchen anerkannte. Nur wenige Musiker von anderen Kontinenten haben das geschafft. Der Klarinettist Rolf Kühn gehört zu ihnen.

          Der gebürtige Kölner, der in Leipzig aufwuchs, 1950 nach West-Berlin kam, ein paar Jahre später nach Amerika ging, dort, nun ja, zum Weltstar wurde und seit den sechziger Jahren wieder vorwiegend in Deutschland lebt, kam jetzt zum vorletzten Konzert der Veranstaltungsreihe Jazz im Palmengarten. Was der Klarinettist dabei am Vorabend seines neunzigsten Geburtstags mit einem neu zusammengestellten Quartett bot, war aller Ehren wert. Es war ein außergewöhnliches Konzert und eine inspirierende Begegnung mit einem Künstler, der mit den bedeutendsten Jazzmusikern Amerikas auf der Bühne stand, den Benny Goodman und Tommy Dorsey als ebenbürtig angesehen und bereitwillig in ihre Big-Bands aufgenommen haben, und der auch heute nichts von seinem großen Können, seiner Ausstrahlung auf seine Kollegen und seinem lakonischen Charme eingebüßt hat.

          Vielseitiger musikalischer Dialog

          Ein Musiker wie Rolf Kühn ist – und das wurde im Gespräch mit Daniella Baumeister vom Hessischen Rundfunk vor dem Konzert deutlich – mit seiner Lebensgeschichte und seiner jüdischen Abstammung ein wichtiger Zeuge für die verheerende Zeit des Nationalsozialismus. Als Angehöriger des Jahrgangs 1929 ist er zugleich ein musikalischer Zeitzeuge, Mittler zwischen dem attraktiven Sound swingender Big-Bands, den avancierten Formen des Bebop und der Zügellosigkeit des Free Jazz, zwischen Entertainment und Kunstanspruch, großorchestraler Kraft und ziselierter Kammermusik. Im Grunde gibt es Spurenelemente von vielem davon in seinem Spiel, am deutlichsten aber scheint die Prägung durch den Swing hervorzustechen. Das wurde besonders in einem Duo von Rolf Kühn mit dem Schlagzeuger Diego Piñera deutlich.

          Es gehörte jedenfalls nicht viel Phantasie dazu, aus Rhythmus und Phrasierung in diesem intensiven Zusammenspiel einen Benny Goodman mit seinem Drummer Gene Krupa herauszuhören – nicht das Schlechteste, was man über den konzentrierten musikalischen Dialog zwischen Kühn und Piñera sagen kann. Überhaupt war bemerkenswert, wie sich die vier Musiker in den überwiegend komplexen und rhythmisch vertrackten Stücken des Bandleaders aufeinander eingestellt hatten, nicht die kleinste Verzögerung die Einsätze in diesem Arrangementpuzzle trübte und dennoch jeder den improvisatorischen Freiraum zwischen den kontrollierten Passagen für seine individuellen Klangekstasen nutzte.

          Vor allem der Pianist Sebastian Sternal ist mit seiner grenzenlosen technischen Fähigkeit, seiner musikalischen Intelligenz und seiner blühenden Improvisationsphantasie ein Gewinn für jede Jazzcombo; ein wahres Wunder, wie er tiefste Bluesphrasierung, Lisztsche Virtuosität und bizarren Klanggestus der Avantgarde zusammenfügen kann und dazu mit spitzen Ohren auch noch die winzigsten Motive aus Rolf Kühns subtiler Klarinette aufzugreifen und zu paraphrasieren vermag. Dazu lieferte Lisa Wulff einen wunderbaren, voluminös singenden Ton auf dem Bass, Diego Piñera zudem das angemessene Rhythmusfundament. Und das machte es Kühn noch leichter, als Höhepunkt des Konzerts eine traditionelle Ballade so intim, betörend und klangfarbenreich zu interpretieren, dass man meint, nur so gespielt, werde sie erst ihrem Songtitel gerecht: „Body and Soul“.

          Letztes Konzert bei „Jazz im Palmengarten“ am 29. August mit Adrian Mears Electric Trio „This one is for Albert“.

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