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Peter Eötvös wird 75 : Mit allen sprechen, auf alle hören

Er ist Frankfurt eng verbunden: Peter Eötvös vor vier Jahren während einer Probe im Bockenheimer Depot Bild: dpa

Komponist und Dirigent: Peter Eötvös, dessen Tschechow-Oper „Drei Schwestern“ im September in Frankfurt Premiere hatte, beendet in zwei Wochen die ihm gewidmete Konzertreihe des hr-Sinfonieorchesters. Heute wird er 75 Jahre alt.

          Dass eine neue Oper so häufig und an so vielen Orten aufgeführt wird, dass sie zum Repertoirestück wird, kommt heute nur noch selten vor. Peter Eötvös hat mit seinem 1998 in Lyon uraufgeführten Werk „Tri Sestry“ („Drei Schwestern“), das auf Tschechows gleichnamigem Theaterstück beruht und vor wenigen Monaten erstmals in Frankfurt zu sehen war, eine solche Oper geschaffen. Von ihren bislang gut 20 Produktionen hat Eötvös 15 selbst begutachten können. Sie seien sehr unterschiedlich gewesen, sagt der ungarische Komponist im Gespräch mit dieser Zeitung. Und fügt hinzu: „Das ist die richtige Prüfung, ob eine Oper lebensfähig ist.“ Tatsächlich hat Eötvös, der heute 75 Jahre alt wird, den Theatern als Bühnenpraktiker so weiten Interpretationsspielraum gelassen, dass das Werk nun sogar außerhalb der europäischen Zentren Interesse findet. Nach der Premiere in Buenos Aires im gerade zu Ende gegangenen Jahr folgt im neuen Jahr die russische Erstaufführung unter der Leitung des Komponisten in Jekaterinburg.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Frankfurter Inszenierung der Regisseurin Dorothea Kirschbaum, mit der er von Beginn an in intensivem Kontakt gestanden habe, hat Eötvös auch musikalisch beeindruckt. Zumal es ein besonderer Reiz gewesen sei, die „Drei Schwestern“ wieder einmal in der Besetzung mit vier Countertenören zu erleben. Nach Frankfurt hat Eötvös ohnehin ausgezeichnete Verbindungen, nicht zuletzt über das Ensemble Modern, das hier im Bockenheimer Depot 2014 seine Oper „Der goldene Drache“ zur Uraufführung gebracht hat. Der Kontakt rührt freilich schon aus den frühen achtziger Jahren her, also aus der Anfangszeit des von Mitgliedern der Jungen Deutschen Philharmonie gegründeten und damals auf eine ganz neue Art selbstverwalteten Ensembles. Es lud Eötvös, den im Umgang mit Neuer Musik durch seine Tätigkeit beim Ensemble Intercontemporain erfahrenen Dirigenten, bald zu sich ein. Wenige Jahre später brachte das Ensemble mit der „Chinese Opera“ dann erstmals ein Werk des Komponisten zur Aufführung. Seitdem ist die Zusammenarbeit mit ihm als Dirigenten wie als Komponisten nie abgerissen.

          „Ich personifiziere alles“

          Den „Goldenen Drachen“ hat Eötvös den ihm zum Teil lange vertrauten Ausführenden der Uraufführung sogar auf den Leib geschrieben. Beim Komponieren habe er stets Musiker und Sänger vor Augen, sagt er, sein Denken sei immer theatralisch: „Ich personifiziere alles.“ Dabei hat Eötvös nicht nur die Tatsache im Blick, dass für ihn die Erschaffung der Charaktere die Grundlage jeder neuen Oper bildet. Vielmehr gilt dieser Ansatz auch für Instrumentalmusik und reicht weit über sie hinaus. „Ich spreche auch mit Pflanzen“, bekennt er in selbstverständlichem Tonfall. Sogar Steine, denen er ein sehr erfolgreiches, in Frankfurt uraufgeführtes Ensemblestück gewidmet hat, haben für ihn etwas Lebendiges.

          Zur Welt gekommen ist Eötvös am 2. Januar 1944 in Odorheiu Secuiesc, das heute zu Rumänien gehört und damals ungarisch war. Seine musikalische Begabung und sein Hang zum Theater und zum Film zeigten sich schon früh, während seiner Ausbildung an der Musikakademie Budapest. An ihr wurde er mit nur 14 Jahren aufgenommen. Das Haus stand damals noch ganz unter dem Stern von Zoltán Kodály. Als Jugendlicher sei er ihm zwei Mal begegnet, erinnert sich Eötvös: „Er war ein Idol, ein Gott mit weißen Haaren, der damals schon im Auto ankam.“

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