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Peter Eötvös wird 75 : Mit allen sprechen, auf alle hören

„Was verboten ist, ist interessant“

Nach seiner Aufnahme an der Musikakademie sei Kodály für ihn aber kein Vorbild mehr gewesen. Er habe sich vielmehr für die damals in Ungarn verbotene zweite Wiener Schule interessiert, für die Musik Arnold Schönbergs, Anton Weberns und Alban Bergs. „Was verboten ist, ist interessant“, kommentiert Eötvös lakonisch. Bartók sei für ihn, wie auch für seine älteren aus Ungarn stammenden Komponistenkollegen György Ligeti und György Kurtág, gleichwohl die „musikalische Muttersprache“ geblieben. Er denke in dieser Sprache, ohne ihren Stil zu übernehmen. Wichtiger als alle Übungen in historischen Stilen und Formen sei für ihn ohnehin die praktische Tätigkeit gewesen, die schon von seinem sechzehnten Lebensjahr an durch konkrete Aufträge angeregt worden sei. So habe er schon früh und oft kurzerhand, über Nacht, Musik zu Filmen komponiert. Sie seien ihm zuvor einfach mit den Sekundenangaben gezeigt worden: „Das war eine wunderbare Übung.“

Als Eötvös nach seiner Budapester Akademiezeit im Jahr 1966 ein Stipendium für ein Dirigierstudium an der Kölner Musikhochschule erhielt, war dort gleichwohl „alles anders“, wie er sagt. Im Umfeld des Studios für Elektronische Musik seien Fragen diskutiert worden wie: „Wie entsteht ein Ton? Was ist Klangfarbe?“ Das sei für ihn die wichtigste Zeit der Ausbildung gewesen.

Selbst ein alter Meister

Mit 75 Jahren ist Eötvös selbst zum alten Meister geworden. Gibt es für ihn, der fleißig weiter komponiert, derzeit ein Concerto für Kontrabass-Solo, und bis 2021 eine Oper nach einer Vorlage des norwegischen Schriftstellers Jon Fosse mit dem Titel „Schlaflos“ fertigstellen will, so etwas wie einen Spätstil? Eötvös antwortet wiederum ganz pragmatisch: „Ich versuche, in der Notation immer einfacher zu sein, weil ich heute aus Erfahrung weiß, was wichtig und was unwichtig ist.“ Als Dirigent müsse er präzise sein, wenn er 80 oder 90 Musikern Instruktionen gebe. Also müsse auch ein Komponist ebenso klar und präzis sein. Stärker geworden sei zudem das „Wir-Gefühl“: „Jetzt habe ich viel mehr Zeit und Ruhe, zuzuhören und die Initiative von den anderen zu empfangen und gelten zu lassen.“

Das hat sich sicher auch gezeigt in der Konzertreihe „Eötvös³“, die der Dirigent und Komponist in der Saison 2016/2017 mit dem hr-Sinfonieorchester begonnen hat und nun mit zwei Konzerten am 17. und 18. Januar in der Alten Oper Frankfurt beenden wird. Eine Besonderheit der Reihe nämlich war und ist die Verbindung mit Schülerprojekten. Ein ganzer Musikkurs der Frankfurter Musterschule beschäftigte sich so 2017 mit Eötvös’ Stück „Jet Stream“ für Trompete und Orchester und stellte dem Meister in der Aula der Schule an einem bunten Instrumentarium eine eigene, gelenkte Improvisation vor. Außerdem gab es in der Reihe Programme unter den Titeln „Eötvös’ Ungarn“ und „Multiversum Mozart“, in die Werke von ihm integriert waren. Die abschließenden Abende mit dem hr-Sinfonieorchester werden Eötvös und die Solistin Vilde Frang, die Bartóks erstes Violinkonzert interpretiert, auch moderieren. Von Eötvös erklingen die 2012 entstandene Komposition „The Gliding of the Eagle in the Skies“ und das 2017 uraufgeführte Orchesterstück „Alle vittime senza nome“.

Peter Eötvös leitet die Konzerte mit dem hr-Sinfonieorchester in der Alten Oper Frankfurt am 17. Januar von 19 Uhr und am 18. Januar von 20 Uhr an.

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