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Barock am Main : Der heilige Siwwesortelump

Diese Blicke: Die Unschuld (Katerina Zemankova) und das Laster (Michael Quast) im Höchster „Tartüff“. Bild: Maik Reuß

Taufrisch und mit Knalleffekt: „Barock am Main“ hat den „Tartüff“ für den Höchster Sommer neu aufpoliert.

          Es liegt Erwartung in der Luft. Die Halbzeit ist schon fast vorbei – glaubt man den „gut unterrichteten Quellen“, die Michael Quast zitiert. Wenn es nach denen ginge, könnte das Freilichtfestival „Barock am Main“ 2022 wieder im Garten des Höchster Bolongaro-Palastes stattfinden, wo es 2005 begonnen hatte. Und es schadet auch nichts, wie der Prinzipal von „Barock am Main“ es nun am Eröffnungsabend tat, darauf hinzuweisen, dass die erste Premiere der neuen „Volksbühne im Großen Hirschgraben“, wie Quasts „Fliegende Volksbühne“ von nun an heißen wird, für den 19. September angesetzt ist.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Angesichts der Baustelle, die der Cantate-Saal und das Anwesen noch sind, baut Quast fürsorglich ein wenig Druck auf. Schließlich ist sein Spielzeitheft gedruckt, es liegt im Hof der Höchster Porzellanmanufaktur aus, wo „Barock am Man“ nun zum dritten Mal gastiert. Mit weniger Grün als im Garten, zugegeben, aber der Charme des Backsteingebäudes ist beträchtlich, und die etwas zeitgenössischere Ausstattung mit leuchtenden Riesenlampions, coolen Holzmöbeln und allerhand Cocktails in der Pause passt auch zum „Tartüff“ ganz wunderbar.

          Komödie in Hessischer Mundart

          Denn Wolfgang Deichsels Molière auf Hessisch wirkt, nach 2006 und 2009, in der stark an den beiden Vorgängern orientierten, aber doch neuen Inszenierung von Sarah Groß auch deutlich heutiger als sonst. Woran liegt das? Vielleicht nur an der eigenen Wahrnehmung, die durch „Metoo“, durch kirchliche Missbrauchsskandale und die aktuellen politischen Debatten anders ausfällt? Mag sein. Tartuffe ist der Inbegriff eines religiösen Heuchlers, eines Schmierlappens, der anderen das Leben vergällt, sich an ihnen bereichert und sich selbst jede Todsünde verzeiht.

          Der lüsterne Blick und sogar Griff des züchtig in Schwarz gekleideten „Siwwesortelumps“ ins Dekolleté der Hausherrin – Michael Quast zwischen Lächerlichkeit und realer Bedrohung, Katerina Zemankova als indignierte Unschuld –, das bekommt vor dem Hintergrund heutiger Fragen noch einmal eine ganz andere Dringlichkeit, trotz aller Lacher.

          An der einen oder anderen Stelle hat Groß den „Tartüff“ auch ganz moderat abgebürstet. Ein Feuerwerkskörper knallt, die ganze Familie von Pirkko Cremers pikiertem Mariesche über den aufbrausenden Damiesche (Dominic Betz) bis zur munter-patenten Dorche (Ulrike Kinbach) wird am Ende zum grollenden Kettenhund, der sich auf Tartüff zu stürzen droht. Der Walter hingegen (Gabriel Spagna) ist ein weit weniger tumber Liebhaber als früher, Clemens (Philipp Hunscha) gibt eher den Elder Statesman, und Alexander Beck als Krankenschwester sorgt, wenn Quast buchstäblich umwerfend die Mama Britschebräät spielt, für augenrollende Gags, aber moderat.

          Vor allem aber, so paradox es klingt, erzeugt Groß Intensität, indem sie das Stück so ausgestellt und parallel zur Rampe inszeniert, wie es traditioneller kaum sein könnte – und dann doch wieder nicht. Denn umso intensiver wirken die Mimik der wie stets grell geschminkten Gesichter (Katja Reich), die Gesten der in neue, bunte Kostüme gewandeten Körper (Anna-Sophia Blersch).

          Nur noch wenige Karten

          Zwei Stühle, ein Tisch, nur eine Handvoll Requisiten und ein Vorhang, das hat ja schon immer gereicht bei „Barock am Main“, auch damals, als Wolfgang Deichsel, der „hessische Molière“, noch selbst mit Groß als Assistentin inszeniert hat. Dieses Jahr wäre Deichsel 80 Jahre alt geworden, und vor 20 Jahren hatte in Bad Vilbel die Erfolgsserie seiner Molière-Stücke auf Hessisch neu begonnen. Grund genug, den „Tartüff“ wieder zu spielen, der ein köstliches Vergnügen bleibt. In der Rolle des Orgon, die einst Deichsel selbst gespielt hatte, ist als neues Gesicht im Ensemble Rainer Ewerrien, fernsehbekannter Schauspieler und Autor, zu sehen, der gegen Ende das Allzumenschliche des Orgon hervorzukehren versteht.

          Das größte Vergnügen aber bereitet unbestritten Michael Quast als Tartüff. Wenn er wortlos ein Huhn so verspeist, wie nur ein Enthaltsamkeit heuchelnder Gierschlund das vermag, wenn der ganze Tartüff sich im Abnagen eines Knochens offenbart, da könnte man ihm eine halbe Stunde lang nur dabei zusehen. Wer allerdings den ganzen „Tartüff“ sehen will, muss sich sputen, die Karten sind hochbegehrt.

          Weitere Vorstellungen bis 4. August in der Höchster Porzellanmanufaktur, Palleskestraße 32.

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