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Kommentar zur Hessen-SPD : Ein starkes Stück

Andrea Ypsilanti und ihr Vize Jürgen Walter erläuterten vor der Presse die SPD-Forderungen an die Linkspartei Bild: Felix Seuffert

Andrea Ypsilanti ist sich ihrer Sache so sicher, dass sie es ihrem innerparteilichen Widersacher Jürgen Walter überlassen hat, die Bedingungen der SPD an die Linkspartei zu formulieren. Sie bindet damit den unsicheren Kantonisten ein und verlässt sich darauf, dass dieser das Blatt nicht überreizen wird.

          Andrea Ypsilanti hat dazugelernt. Hat sie am Abend der Landtagswahl noch voreilig ein Triumphgeschrei angestimmt, so weiß sie das Gefühl des Sieges nun gut zu verbergen, da ihr Oskar Lafontaine als Dompteur der hessischen Linkspartei den Weg zur Macht geebnet zu haben scheint. Nein, sie sei sich noch nicht sicher, ob sie das Experiment einer Zusammenarbeit mit der Linkspartei wagen werde, gibt sie zu Protokoll.

          Immerhin ist sich Ypsilanti ihrer Sache so sicher, dass sie es ihrem innerparteilichen Widersacher Jürgen Walter überlassen hat, die Bedingungen der SPD an die Linkspartei zu formulieren. Sie bindet damit den unsicheren Kantonisten ein. Die hessische Parteivorsitzende verlässt sich gleichzeitig darauf, dass Walter von sich aus das Blatt der Sozialdemokraten nicht überreizen wird. Und sollte er es doch versuchen, dann werden es Parteivorstand und Parteirat schon richten.

          Eine raffinierte, doppelte Machtgeste Ypsilantis

          Es ist eine raffinierte, doppelte Machtgeste Ypsilantis. Der Rechtssozialdemokrat Walter darf der ihm in tiefster Abneigung verbundenen Linkspartei das Stöckchen hinhalten, über das die Neokommunisten zu springen haben, und wird gleichzeitig gezwungen, sich dabei bis zur Selbstverleugnung tief zu bücken. Für eine Frau, die nach eigenem Bekunden angetreten ist, mit männlichen Machtritualen zu brechen, ist das ein starkes Stück.

          Der weitere Gang der Dinge in den nächsten Wochen ist vorgezeichnet. Die vier Regionalkonferenzen der SPD, in der es derzeit keine nennenswerte Kritik am Linkskurs Ypsilantis gibt, werden der rot-rot-grünen Option zustimmen. Auch die Grünen, die sich weniger basisdemokratisch als die Genossen gebärden, werden sich zur Zusammenarbeit bereitfinden; wahrscheinlich wird der Fraktionsvorsitzende und mögliche künftige Umweltminister Tarek Al-Wazir das eine oder andere Bedenken vortragen, doch das wird nur Show sein. Genau wie jene Probeabstimmungen, die zuvor auf Wunsch der Grünen stattfinden werden, mit voraussehbarem Ergebnissen.

          Die Stunde der Wahrheit schlägt voraussichtlich am 18. November. Dann wird jeder einzelne Abgeordnete von SPD, Grünen und Linkspartei mit sich ausmachen müssen, ob er das Bündnis gutheißt und Ypsilanti zur Ministerpräsidentin wählt. Wer weiß schon, welche Rechnungen noch offen sind. In dem Moment, in dem der Landtagspräsident das Abstimmungsergebnis vorliest, wird Hessen den Atem anhalten.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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