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Juden in der AfD : Feind des Feindes

„Juden in der AfD“: In wenigen Tagen wird sich die bundesweite Gruppe in Offenbach gründen (Symbolbild). Bild: dpa

Insbesondere zugewanderte Juden aus Russland hegen Sympathien für die AfD. Nun wird sich in wenigen Tagen die Gruppe „Juden in der AfD“ gründen. Die jüdischen Organisationen stehen daher vor einer großen Aufgabe.

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          Man muss Augen und Ohren schon ziemlich fest verschließen, um von einer antisemitischen Stimmung in der AfD nichts zu spüren. Mag sein, dass Dimitri Schulz in der Offenbacher Parteigliederung kein Judenhass untergekommen ist. Die Einlassungen einiger Spitzenpolitiker der Partei, etwa Björn Höckes, lassen aber wenig Interpretationsspielraum zu, vom publizistischen Umfeld der Partei ganz zu schweigen. Dort kursieren Verschwörungstheorien, wonach Juden Ingenieure der „muslimischen Masseneinwanderung“ seien, um damit das christliche Europa zu zerstören.

          Erinnert sei auch an den baden-württembergischen Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon, der in einem Buch antisemitische Thesen vertreten hat und erst nach längerer Debatte aus der Fraktion ausgeschlossen wurde. Ein früheres führendes AfD-Mitglied in Nordrhein-Westfalen schätzt, dass ein Drittel der Mitglieder judenfeindliche Ressentiments pflege.

          Antimuslimische Untertöne

          Wenn Spitzenpolitiker der AfD sich zu Solidarität mit Israel bekennen, dann hat das zumeist einen antimuslimischen Unterton. Israel ist dann das Land, das angeblich zeigt, wie man mit der Herausforderung durch den Islam fertig werde.

          Es ist genau diese Abgrenzung gegen den vermeintlichen gemeinsamen Feind, den Islam, der Juden dazu bringt, sich für die AfD zu erwärmen. Der Feind meines Feindes ist nach dieser Logik mein Freund.

          Russischstämmige Juden mit Sympathien für die AfD

          Schulz ist keineswegs der erste Jude, der so denkt. Der Frankfurter Sacha Stawski, der auf der Internetplattform „Honestly Concerned“ über Judenfeindschaft in der ganzen Welt berichtet, hat schon früh beobachtet, dass insbesondere zugewanderte Juden aus Russland Sympathien für die AfD hegen. Das mag auch an der russlandfreundlichen Haltung der Partei liegen, im Vordergrund steht aber die Sorge vor dem muslimischen Antisemitismus. Auch das Gefühl, die seit 2015 nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge würden mehr Hilfen erhalten als seinerzeit die jüdischen Zuwanderer, spielt nach Stawskis Beobachtungen eine Rolle. Die Russischstämmigen machen inzwischen die Mehrheit unter den Juden in Deutschland aus. Auch Schulz gehört zu ihnen.

          Die jüdischen Organisationen stehen daher vor einer großen Aufgabe. Ihre Sorge, dass sich die religiösen Konflikte entlang parteipolitischer Linien aufheizen könnten und am Ende die Minderheiten insgesamt leiden, ist nicht unberechtigt.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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